medienwatch & metainfo (gfok)

Medienrecherche: Politik | Wissenschaft | Kunstprojekte

Hamburg Osaka Städtepartnerschaft „Du triffst Deinen Traum“

leave a comment »

Historisches Archiv · Nr. 17 vom 01.08.1998 · Seite 007

Archivtexte wurden automatisch digitalisiert und können Fehler enthalten

.

.

Zehn Jahre Städtepartnerschaft Hamburg und Osaka

„Du triffst Deinen Traum“

.

Von GUNNAR F. GERLACH

– 265 Meter hoch ist der Cosmo-Tower. Wer aus dieser schwindelerregenden Höhe schon einmal auf die Dächer der zweitgrößten Metropole Japans geschaut hat, versteht, warum es wohl keinen sichereren Weg gibt, verrückt zu werden – als hier, im Bauamt von Osaka, zu arbeiten: nirgendwo ein freier Platz. Eng an eng drücken sich Industrieanlagen an Wohnsiedlungen. Menschen, klein wie Punkte, bewegen sich wie Puzzlestücke einer großen Ordnung durch die Architektur. Die Masse wird zum Ornament; das Individuum wird zum Molekül eines gigantischen Körpers, der nach ganz eigenen sozialen Gesetzen funktioniert.

Neonfarben leuchten dem Besucher von einem Hochhaus vier Worte entgegen: „You Meet Your Dream“. Du triffst deinen Traum. Mit diesem Sinnspruch wirbt die Stadt. Denn Osaka, das ist nicht nur High-Tech und Wolkenkratzer-Kultur, sondern auch Zen-Buddhismus, höfische Überlieferungen und Poesie. Hier, in der Welthafenstadt an der Ostküste der asiatischen Insel, will man den Spagat zwischen Tradition und Utopie schaffen. Und das geht sonst eigentlich nur im Traum.

Mehr als acht Millionen Menschen leben hier. „Stadt des Wassers“ und „Stadt der Kaufleute“ sind zwei treffende Synonyme für Osaka, das vor Betriebsamkeit fast aus den Nähten platzt. Dennoch kann sich der „gaijin“, „ein Mensch von draußen“, in diesem energetischen Strom ohne Bedrohung bewegen.

Denn ausgewogen und angemessen wirkt die Bewegungs-Geschwindigkeit der Ortsansässigen. Auch in den prächtigen und poppigen Einkaufs-Passagen, die kilometerlang die Stadt durchziehen.

Schaufenster-Auslagen überzeugen durch ihre harmonische Gestaltung, selbst die Kaufhäuser dekorieren ihre Waren fast, als wären es Kunst-Installationen. Stets hat man den Eindruck, die Menschen hier besäßen einen natürlichen Zugang zur Kunst. Form und Inhalt müssen immer zueinander passen; den verschiedensten Materialien wird in der Form abgerungen, was in ihrer Struktur liegt. Bei allem geht es darum, das richtige Maß auszuloten. Wie bei den unzähligen Schriftzeichen, die den Straßen eine grafische Anmutung geben, scheint überall im Alltagsleben ein zeichengebendes, gestaltetes Bild auf die Wahrnehmung einzuwirken.

„Wo beginnt die Schrift? Wo beginnt die Malerei?“ ließe sich mit Roland Barthes fragen. In seiner Schrift über Japan („Das Reich der Zeichen“, Suhrkamp Verlag) sieht er Analogien in den Strukturen von Zeichen, Malerei, Nahrung und ihrer Präsentation. Nimmt es da wunder, daß selbst das feine Holz der Zahnstocher gedrechselt ist und die Verpackung für die Stäbchen schon wie eine Druckgrafik wirkt? Obwohl die Natur nur noch als zwischen Häuserblöcke und Wolkenkratzer eingearbeitetes Rest-Grün und Meditations-Metapher erscheint, bleibt doch der Eindruck, daß in dieser Kultur ein hohes inneres Bewußtsein für Natur existiert.

Dem Kleinsten wie dem Größten wird dieselbe gestalterische Kraft zugewiesen. Zwischen Architektur, Design, Kunsthandwerk und freier Kunst wird nicht unterschieden wie im westlichen Kulturkreis. Wenn auch in Japan Benehmen und Verhalten der Menschen untereinander von starren Hierarchien geprägt sind: Der Umgang mit Kreativität vollzieht sich in fließenden Übergängen. Ein Japaner würde eine gelungene Teeschale nie geringer schätzen als eine Kalligraphie oder ein Gemälde.

So verwundert es auch nicht, daß gerade die Idee des Bauhauses hier auch unter Künstlern große Bewunderung findet. Der Blick der Kunsthistoriker ist ein für europäische Augen zunächst verwirrender: Sammlungen werden scheinbar nach dekorativen Kategorien zusammengestellt, Gleichheit der Farbwahl oder strukturale Gestaltungs-Ähnlichkeiten lassen einen aufs Dekorative gelenkten Blick vermuten. Bei genauerer Betrachtung stellt sich dann aber heraus: Hier wurden lauter Meisterwerke ausgewählt, der Blick zielt auf die substanzielle und spirituelle Ausstrahlung der Kunstwerke.

Von den Traditionen der asiatischen Hochkulturen läßt sich mehr lernen als gemeinhin angenommen wird. Wie schon der britische Philosoph Betrand Russell 1941 schrieb: „Ich denke, daß, wenn wir uns in dieser Welt zuhause fühlen sollen, wir Asien Gleichberechtigung in unserem Denken zugestehen müssen, nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Welche Veränderungen dies herbeiführt, weiß ich nicht, aber ich bin davon überzeugt, daß sie tief und von großer Bedeutung sein werden.“ Und Karl Jaspers hielt Asien sogar für eine „unerläßliche Ergänzung“ des westlichen Bewußtseins, dem es an etwas mangele.

Nicht zuletzt deshalb werden sich japanische und deutsche Kunstwissenschaftler, Kuratoren, Künstler und Designer im Mai 1999 zu einem Symposium in Osaka einfinden. Und im Herbst 1999 kommen Yukio Fujimoto, Tomaki Ishihara und Eiji Okubo zu einer Ausstellung ins Kunsthaus Hamburg, während auf deutscher Seite u. a. die in Osaka im Mai 1999 ausstellenden Künstler Michael Dörner, Frank Fietzek und Nana Petzet vertreten sind.

Was aber wissen wir über jene japanischen Künstler, die in Europa Kunst studierten und, zurückgekehrt in ihre Heimat, diese neuen Erkenntnisse mit ihrer traditionellen Sprache verbanden? Wem sagen hier die Namen so wunderbarer Maler wie Ryusei Kishida, Narashige Koide oder Yuzo Saeki etwas? Schrift und Bild finden hier auf poetischste Weise einen Zwischenraum des Gefühls.

Den überraschten Blick trifft aber auch Profanes, das sich als verborgene Poesie freilegen läßt. Morgens um vier liegt ein Geschäftsmann aus Osaka vor einer der vielen Brücken. Betrunken zusammengerollt, im Armani-Anzug, den Kopf auf einem Notebook, daneben das eingeschaltete Handy. Ein bizarres Bild, zumal der trunken Schlafende in unseren Sphären binnen kürzester Zeit all seines Gutes beraubt wäre. Nicht so in Osaka. Auch hier: Visionen zwischen den Zeichen – eine spezifische Art des Sozialverhaltens, die schon der Kunst nahekommt.

Wie aber sieht ein Künstler aus Osaka das Leben in Hamburg? Eiji Okubo fiel ganz besonders ins Auge, wie grün diese Stadt eigentlich ist. Und wie frei der Blick zum Himmel reicht. Der 1944 geborene Okubo besuchte die Hansestadt auf Einladung der Kulturbehörde, um sein Städtepartnerschafts-Projekt für 1999 vorzubereiten.

Seine stark auf japanische Philosophie und Spiritualität zurückgreifende Kunst beruht auf drei Begriffen: Zeit – Sammeln – Natur. „Ich eigne mir beim Herumwandern durch die Grünflächen und Wälder der Stadt alle Erscheinungen der Natur an und bilde daraus Kultur“, sagt er. Bei seinen Spaziergängen in Hamburg zwischen Stadtpark, Schwarzen Bergen und Bunthäuserspitze möchte er ein kommunikatives Dreieck zwischen Natur, Betrachter und Künstler entstehen lassen. „Der Künstler ist dabei nicht so wichtig, es kommt nur darauf an, daß durch den künstlerischen Eingriff der Blick, z. B. auf einen Zweig, so gelenkt wird, daß sich der Zweig heraushebt und etwas Neues entstehen kann.“

Gerade diese von Eitelkeit und Egomanie befreite Einstellung zeigt die Unterschiede der Kulturen. Okubo geht es viel mehr um eine biologische Zeiterfahrung und die Möglichkeit eines organischen, sozialen Erinnerns. Und so hielt er sich auch fern von der Kunst-Szene, um die Schönheit der Natur unabhängig von marktgängigen Einflüssen zu erfahren. Seine kleinen Installationen und Eingriffe werden jetzt über ein Jahr fotografisch dokumentiert und bilden die Basis seines Ausstellungsbeitrages.

Als kritischer Geist sieht auch er die großen Gefahren der Globalisierung durch ökonomischen Druck und technische Entwicklungen. Und so ist ihm die Kunst auch nicht ein perfektes Produkt, sondern „die Erkenntnis der Schönheit des Überflüssigen, Nicht-Funktionalen“. In Hamburg hat er davon noch etwas gefunden.

Da leuchtet es wieder durch, dieses geheimnisvolle Japan: Tradition, Utopie und Poesie. Und so kann mit Spannung erwartet werden, aus welchem Waldes- und Windesrauschen Eiji Okubo und seine Künstler-Freunde aus Osaka die Sinne bei ihrer Ausstellung im Herbst 1999 in Hamburg erregen und begeistern werden.

abendblatt.de:8000/article.p

.

Vom Verfasser des Textes autorisiert

Written by medienwatch & metainfo

Juli 26, 2009 um 21:10

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: