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Reisender Stillstand: Zimmer(s)trassen + Mehr

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Ge(h)schirr,  Jörg G. Stange, Gunnar F. Gerlach GfoK Kunstarchiv

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Buchtip(p)

Die Welt auf zehn Quadratmetern

Bernd Stiegler: „Reisender Stillstand“. S. Fischer Wissenschaft

Von Angela Gutzeit

Der Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler ebnet in seinem Buch „Reisender Stillstand“ den Weg in die sogenannten Zimmerreisen. Jenes literarische Genre zeigt auf amüsante Art, wie man sich möglichst weit vom gegenwärtigen Aufenthaltsort entfernt, ohne sein Zimmer dabei tatsächlich zu verlassen:

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1210950/

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Foto:  (2009) Jörg Stange

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Buchtip(p)


Peter Wawerzinek gewinnt Bachmannpreis

Auszug aus dem Siegertext | 27. Juni 2010
Peter Wawerzinek

Ich finde dich Rabenliebe

Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten als mir lieb ist.
SCHNEE IST DAS ERSTE, woran ich mich erinnere. Verschneiet liegt rings die ganze Welt, ich hab nichts, was mich freuet, verlassen steht der Baum im Feld, hat längst sein Laub verstreuet, der Wind nur geht bei stiller Nacht, und rüttelt an dem Baume, da rührt er seinen Wipfel sacht und redet wie im Traume. Es schneit sanft in den Ort hinein. Danach gewinnt der Schneefall an Stärke. Es ist so oft Winter in meinem Kopf. Es schneit so häufig, dass ich denke, in meinen Kinderheimjahren hat es nur Schnee, Winter und Eiseskälte gegeben. Ich sehe mich eingemummelt. Frost und Rotz klebt an der Nase. Ich bin das ewige Winterkind unter Winterkindern beim täglichen Schneemannbauen. Es ist November. Ich sitze in einem großräumigen Automobil, einer schwarzen Limousine. Ich bin vier Jahre jung und in dem riesigen Automobil. Schneeweiß ist die Landschaft, die ich in Erinnerung habe. Der Fahrer ist ein dunkler Schattenriss. Ein mit Schneefall versehener Tag ist der Tag, den ich als ersten Tag meines Lebens erinnere. Ein tiefgrauer Tag, der morgens rötlich aufzieht und schön zu werden scheint. Ein verdunkelter, mit Wolken bedeckter Tag, der sich hinter einer Wolkendecke verkriecht, sich den Tag über als Tag nicht sehen lassen mag, dem Schnee das Terrain überlässt, der aus diesem grauen Himmel wie aus einer alten Pferdedecke geklopfter Staub umherwirbelt. Wie der Hase bei seinem Lauf über den Acker den Igeln nicht davonlaufen kann, ruft der Schnee mir zu: bin schon da. Ach bittrer Winter, wie bist du kalt, hast entlaubet den grünen Wald, hast verblüht die Blümlein, die bunten Blümlein sind worden fahl, entflogen ist uns die Nachtigall, entflogen, wird je sie wieder singen.

In der vergangenen Woche starb in Schwerin die fünf Jahre alte Lea-Sophie. Ihre Eltern hatten sie verhungern lassen. Eine Woche vor ihrem Tod hatte der zuständige Sozialarbeiter nicht darauf bestanden, das Kind zu sehen. Gegen das Jugendamt laufen Anzeigen wegen unterlassener Hilfeleistung.

ICH BEFINDE MICH auf dem Weg zu einem Kinderheim. Ich habe keine Ahnung, wohin es mit mir geht, weiß nicht, was mich am Ende der Fahrt erwartet. Ich sitze in einer Limousine. Frühe herrscht. Nebel steht in der Landschaft. Im Nebel wird der ruhende Ackerstein durchsichtig. Im Nebel erscheinen all die Dinge in der Natur wie in eine Kristallschale hineingelegt. Im Nebel wird das Leichte gewichtiger als ein Planet an Masse in die weltliche Waagschale wirft. Das Unscheinbare ist erst in all seiner nebulösen Unklarheit innig zu erleben. Der an einem gewöhnlichen Tag ignorierte, große, stumme, unscheinbar am Wegrand schlafende Ackerstein, seht doch genauer hin, er tritt wacher aus dem Nebel hervor, gewinnt an Würde. Im Nebel ruhet noch die Welt, noch träumen Wald und Wiesen: Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, den blauen Himmel unverstellt, herbstkräftig die gedämpfte Welt, im kalten Golde fließen. Leben ist Nebel und Nebel ist Leben. Rückwärts wie vorwärts gelesen mögen die zwei Worte Nebeleben und Lebenebel in Gold gefasst auf meinem Grabstein stehen. Nebel weiß ich um mich, der es gut mit mir meint.

Die weiteren Preisträger
Dorothee Elmiger ist die Gewinnerin des Kelag-Preises. Den 3sat-Preis nimmt Judith Zander mit nach Hause. Aleks Scholz wird mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet.

Auch beim 3sat-Preis gab es ein Stechen – diesmal zwischen Aleks Scholz und Judith Zander, das Letzere für sich entschied. Der Preis ist mit 7.500 Euro dotiert.

Der mit 7.000 Euro dotierte Ernst-Willner-Preis geht nach einer Stichwahl zwischen Aleks Scholz und Sabrina Janesch an Aleks Scholz.

Der mit 7.000 Euro dotierte Publikumspreis geht an Peter Wawerzinek. Der Preis wurde per Internet-Abstimmung ermittelt.

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bachmannpreis.eu/de/texte/2633

http://www.textem.de/2071.0.html

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[..] Der Bachmannpreis 2010 ging an den 1954 in Rostock geborenen Peter Wawerzinek, der sich wohltuend von den zahlreich angetretenen braven Schreibschulabsolventenstrebern abhob, weil er, wie sofort zu bemerken war, nicht nur über eine gesättigte Lebenserfahrung verfügt, sondern auch weiß, wie er literarisch damit umzugehen hat:
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-06/klagenfurt-bewerb-wawerzinek

[..] „Spuren einer Lebensverletzung“, so umschrieb die Literaturkritikerin Meike Feßmann Peter Wawerzineks Werk Rabenliebe, mit dem der Autor zum Ingeborg-Bachmann-Vorlesemarathon angetreten war
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-06/bachmann-literatur-wawerzinek

[..] Der heute in Berlin lebende Schriftsteller hat bereits in vielen Berufssparten gearbeitet, nachdem er sein Kunststudium abgebrochen hatte. Unter anderem war er Totengräber und Tischler, in den 80er Jahren Performance-Künstler und Stegreifpoet. Den Preis nahm er am Sonntag sichtlich bewegt entgegen. Der Text sei «nicht perfekt und nicht makellos, sondern dem eigenen Lebensstoff im schmerzlichen Prozess abgerungen», erklärte Feßmann:
http://www.mopo.de/2010/20100627/deutschland-welt/kultur/bachmann_preis_fuer_peter_wawerzinek.html

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Zünglein an der Waage
Matthies ringt um Worte | 29.06.2010 19:52 Uhr

Für den Kultstatus der Nobelherberge ist gesorgt

http://www.tagesspiegel.de/kultur/fuer-den-kultstatus-der-nobelherberge-ist-gesorgt/1871892.html

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« Kleine Rabenkunde II »

https://medienwatch.wordpress.com/t-es-t/

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Bienenzucht in Qumran: Es gibt keinen Ameisenzoo

https://medienwatch.wordpress.com/2010/06/27/bienenzucht-in-qumran-es-gibt-keinen-ameisenzoo/


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ESsay

Demokratie auf Geisterfahrt | Die entfremdete Republik

Von Richard David Precht | 28.06.2010

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[..] Der Idee nach sind Demokratien lebendige Gebilde, sie setzen den Willen der Mehrheit eines Volkes um. Sie sind achtsam und leben vom Interesse einer Bevölkerung am Gemeinwohl. Sie sind, pathetischer formuliert, die politische Entsprechung einer aufgeklärten Ethik seit den Tagen des Aristoteles: die Chance auf ein erfülltes Leben für so viele Menschen wie möglich [..]

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Unbekannt ist der Medienwatch-Redaktion ob der Verleger von Richard David Precht auch ins kritische Visier des Autors geraten ist? Immerhin ist der neoliberale ThinkTank und Privatisierer etc. – Bertelsmann als Europas einfussreichster Medienkonzern mitverantwortlich für die neoliberale Situation. (Ranking weltweit an 4-5 Postion) Umfassende «Akte Bertelsmann« Medienwatch-Beiträge: hier + hier

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http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,703254,00.html

Richard David Precht, geboren 1964 in Solingen, ist Autor der Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ und „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“.

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Zimmerreisen Zimmerferien Zimmerstrassen Walter Benjamin

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medienwatch.wordpress.com | medienwatch.de | meta-info.de

Written by medienwatch & metainfo

Juni 28, 2010 um 04:14

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