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Radierungen von Eduard Manet in der Hamburger Kunsthalle

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metainfo | 27.02 2009

Radierungen von Eduard Manet in der Hamburger Kunsthalle

Eine erlesene Auswahl an Radierungen von Eduard Manet erblickt die Öffentlichkeit.

Manet der stark durch die spanischen Maler Diego Velasquez und Francisco de Goya geprägt war, lässt in jedem radierten Blatt, in jeder Aquatintaätzung seine revolutioniäre -von Charles Baudelaire als „modern“ bezeichnete Malweise durch deliktieren. Wer sich, wie er, Goya als „genius loci“ erwählt hat, studiert und transformiert auch seine Haltung, – mit jedem Strich, im Duktus radikal goyaesken Aufklärung mit. Die Radierung incl. Ätztechnik(en) als subversiv-sublime Gesellschaftskritik. Auch als transformierte „Alchemie“ parallel kursierender Aufklärung, benutzt, inskribiert, – lebt, die Annäherung der Technik Goyas, zur thematischen Transparenz und Sichtbarmachung. Zu überwindender Gefühlsduselei und falschem Pathos, vorherrschender Dekadenz historisierender Salonmalerei.
Die Radierung als ein Handwerk radikaler Kritik und als ästhetisches Druckwerk als „Flugblatt-Waffe“, gegen dieses Geschmacksdiktat opportuner Herrschaftmalerei. Bei Manet ein insistierend inventionistischer Übertrag und Akt seiner gesellschaftskritischen Haltung. Das alles fließt in die Zeichnung – im Radere [Radierung: lateinisch radere »kratzen«, »schaben«] seiner Arbeit ein. Versorgt Manet mit Kenntnis, Erkenntnis und Furore „Gleichgesinnter“ – wie z.B. Auguste Renoir und erfährt die Würdigung der Olympia, in einem Buch durch Paul Cezanne. Er kratzt an den scheinbaren Grundfesten des Historismus und er erweitert die Malerei. Mit der „prostituierten Olympia“ demaskiert er radikal die bürgerliche Scheinwelt und zeigt die „eigentliche Pornographie“ der Gesellschaft auf. In der Malerei entwickelt Manet sich deutlich weiter und prägt die Malerei neu.
Im bürgerlichen Gegenpol die Kritik der „malenden Auftragsempfänger“ der  Angepassten. Aber auch so große Maler Kollegen wie Eugène Delacroix, derart, dass man ihn schmähte und mit negativ Kritik abzutreiben suchte. Bis tatsächlich, durch  kleinkarierte Bürger aufmerksam gemacht. Auch schon mal die Polizei auftrat und Olympia mit einem Tuch verdunkelte. Obwohl auch bei den Salonopportunisten viel nackte Haut zu Markte – hinter historisierender Deckung getragen wurde. Kam man bei Manets Aktgemälden (über Motive Goyas in Stellung gebracht), zu vernichtender Skandalisierung überein. Geheuchelte Werte als „Mobbing und Verrat“ – an Aufrichtigkeit und Aufklärung, durch Kunst Theorie + Praxis.

manet-gassner-stolzenburg-color303Der Vater wollte den Sohn in seinen Fußstapfen zum Juristen ausgebildet sehen. Das klappte nicht! Manet Junior scheiterte an der Aufnahmeprüfung. Nun sollte es die Marine sein, aber auch hier scheiterte er (bewußt?) an der Prüfung. Er entschied sich allen Irritationen und Widerständen zum Trotz „einfach“ Maler zu werden. Seine Marinebilder, in der Tragik auch die Darstellung von durch Krieg zerstörter Schiffe. War in der gleichen geschmähten Malweise, bei den Spiessern seiner Zeit, verschrien. Heute nachdem er in großen Museen vertreten ist und kunsthistorisch ein nicht wegzudenkender Künstler ist, verweisen auch fanatische maritime Sammler auf das Werk von Manet. Hier muss er in der Regel aktueller Medien zum Marinemuseum, widerspruchsfrei herhalten. Kaum jemand regt sich auf. Im Gegenteil man lässt es geschehen und heuchelt „zu Gunsten einer Stadt“. Er wird von Leuten benutzt oder missbraucht, die er zu Lebzeiten über seine Malerei demaskierte. Die Idee vom „Freien Maler“ setzte sich in ihm durch – welch Glück für die Welt!

Hubertus Gassner der Direktor der Hamburger Kunsthalle und der Kurator Andreas Stolzenburg, vor einem der aufregenden Blätter: Ein Seestück! Beide Kunsthistoriker besprechen das Se(h)stück, aufgrund von Fragen und Hinweisen, eines Presse geladenen (Medienwatch) sehr anschaulich.
Es gäbe Gerüchte Manet sei während seiner Deutschlandreise, in dem bereits im 19. Jh. beliebten Strandbad Heiligendamm gewesen. Erbaut in klassizistischer Manier vom kriegerischen Herzog Friedrich Franz I.
Als Ort, also nicht ganz frei vom G8 Gipfel, kriegerischer ignoranter Ikonografie ggw. Kunst-Diskurse, „um die letzten Heiligen vom Damm“. Und damit in gegenwärtiger Situation assoziativ embedded zugelassen, – wider kurzlebiger Erinnerung neoliberaler Verdrängungsmuster. (Es war Monet nicht Manet?) Kunst + Wissenschaft performte 2007 u.a. diese Frage auf einem 100 Jährigen Zweimaster, einem ehemaligen Minensuchboot vor Heiligendamm, während des G8 Gipfels. Gustave Gourbet und Eduard Manet im Konzept von „Welle, Woge, Weltbild“ (Gunnar F. Gerlach) surreal im Einsatz und damit „anwesend“.
Die Desastres de la Guerra Goyas sind geprägt von den Folgen der grausamen napoleonischen Herrschaft über Spanien (Befreiungskrieg). Sie sind über das Studium Manets über Goya -auch wenn dieses Thema nicht der Ausstellung eingebunden ist – wurde es doch vom Kurator in Erwähnung gebracht. Krieg und Gewalt ist eben nicht als Leiderfahrung aus dem Gedächtnis (Mnemosyne) abzukoppeln. Die Blätter Manets spiegeln „transformatorisch-dialogisch“ sinnliche Nähe zu den grossen spanischen Vor-Bildnern universeller Freiheit. In der Einstellung frei von Krieg und Kriegsgräul restaurativer Gesinnung.
Eine „Zigeuner-Familie“, wird hier zum Sinnbild einer freieren Lebensform und temperiert die Nadel des Zeichners – virtuos und leidenschaftlich. Man erinnere die kitschig entblößte schöne Zigeunerin, in der Nachkriegsära – nach Auschwitz. Hier ist es anders, eine Familie mit stillender Mutter inkarniert lebendige, musikalische Freude und ist Einladung, die „freie Form“ anzunehmen und nicht nur mit ihr zu kokettieren. Fremdheit und die Angst vor der Freiheit scheint überwunden ist erzeichnet, ermalt – erlebt und gelebt… wie selbstverständlich… Belegt durch den Transport des gefühlt, begrifflichen Material als Gegenstand, dem Betrachter als Motiv vor Augen geführt.

Die Kopfbedeckungen der Figuren und Stillleben sind nicht beliebig angelegt. Sie können als Sinnbild und als Bedeutungsebende historischer „Widerstands-Metaphern“, sozusagen als Zeichensetzung (phrygische <=> skythische Mütze) als Befreiungsform von Zwang und Enge gelesen werden.

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Die Nackheit der Prostituierten «Olympia» persifliert radikal, die penetrante Doppelmoral seiner Zeitgenossen und lädt ein in die ästhetische Ambivalenz seines Werkbegriffs, für das Leben – eine ernst zu nehmende Haltung, Leben als Kunst, um einen anderen Lebensentwurf zu wagen: die Offenlegung doppelter Moral in Klerus und Gesellschaft als die Voraussetzung für einen nachhaltigen Paradigmenwechsel. Grenzüberschreitung nicht im Sinne: „Bitte gehen sie ins Bordell, sondern öffnen sie sich für aufrichtige Formen der Kunst und überdenken und ändern sie alles – eine Zäsur!
Über die Sujets und Genres vom Meer etc. – riss er Klischees auf und sprengte bisherige „Stile und Vorgaben“. Manet’s Codierungen über ein feinnerviges, über klare Kontraste figuriert, ohne zwanghafte Kontur, der Freiheit überantwortet. In universellen Kontexten, als revolutionär, als „nachhaltiger Zwischenruf.“ Bis zur malerischen Aquatinta-Ätzung in der Dramaturgie unterschiedlicher, interdisziplinärer Ausdrucksformen über handwerkliche und geistige auch literarischer Reife: „Frühstück im Grünen“ mit „toxischer Olympia“ als nackte Wirklichkeit und Sinnbild der Wahrhaftigkeit? Die Fassade bürgerlicher Attitüde durch subversive Spiegelung, zum Einsturz bringend. Als Einstieg in eine andere Handlung und Haltung. Nicht nur als Metapher im Kopf des Sehenden Subjekts, sondern erzeichnet und ermalte radikale Sinnlichkeit utopistischer Reflexion. Stehen in Wechselbeziehung seiner Wahrnehmung, zur Überleitung in einen aufrichtigen Lebensbegriff. Jörg Stange

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Gedankenskizze: Jörg Stange (’09)

Dank(e) Manet!
VorBildNer =
Frans Hals, Diego Velazquez, Tizian, Tintoretto, Giovanni Battista Tiepolo Francisco de Goya, Eugene Delacroix

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Presseinformation
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Edouard Manet. Radierungen
27. Februar bis 19. Juli 2009
Hegewisch-Kabinett
Pressetermin: Donnerstag, 26. Februar 2009, 11 Uhr
Eröffnung: Donnerstag, 26. Februar 2009, 19 Uhr
Neben seinem epochalen malerischen Werk widmete sich der französische Künstler Edouard Man (1832-1883) immer wieder erfolgreich der Druckgraphik. Seine mehr als 60 Radierungen, die bis auf eine Ausnahme alle vor 1871 entstanden, hatten für ihn besondere Bedeutung und den gleichen Stellenwert wie seine Gemälde. Auch wenn sie sich häufig auf diese beziehen, sind sie keine bloße Nachahmung der Malerei. Sahen noch die Künstler der Generation zuvor die Radierung als reine Reproduktionsgraphik an, war Edouard Manet Teil der Bewegung, die ab 1850 diese Technik wiederentdeckte und zu neuer künstlerischen Blüte führte. Im Zentrum dieser Renaissance der Radierung stand die 1862 gegründete Künstlervereinigung Société des Aquafortistes.
Manet war selbst Sammler alter Graphik und stand seit 1859 in Kontakt mit Künstlern der späteren Société des Aquafortistes. Um die Mitte des Jahrhunderts erscheinende Publikationen zu Rembrandt, Goya, Callot und den Radierungen Tiepolos beflügelten ihn in der Beschäftigung mit diesem Medium.
Manet pflegte einen relativ einfachen Linienstil, ähnlich dem der in diesen Jahren äußerst populären Karikaturen. Die Populärgraphik dieser Jahre wurde von Kritikern wie Charles Baudelaire sehr hoch geschätzt und als modern empfohlen. Eines der Blätter, das Manet für die Société des Acquafortistes schuf, war das Ganzfigurenbildnis der Lola de Valence. Das Motiv war in dreierlei Hinsicht als „modern“ zu bezeichnen, ein aktueller Begriff, der alle Künstler dieser Zeit beschäftigte: Die dargestellte Tänzerin Lola aus Valencia war Spanierin, ihre Kleidung bediente so den aufkommenden spanischen Exotismus. Ihr Tanz und ihre Person wurden von Baudelaire gerühmt, so dass die Anbindung der Radierung an die zeitgenössische Literatur ebenfalls gegeben war. Die Formensprache der Radierung war rau, wurde teilweise gar als „brutal“ bezeichnet und setzte sich bewusst gegen die Salonmalerei mit ihren bunten Farben und ihren weichen Linien ab. In anderen Fällen nutzte Manet die moderne, aber im täglichen Leben doch immer selbstverständlicher werdende Photographie als direkte Vorlage für seine Radierungen, um ihnen eine erhöhte Authentizität zu geben. Oft photographierte Manet seine eigenen malerischen Werke und nutzte diese Photos als Arbeitsmaterial für weitere Werke.
Der Großteil des graphischen Œuvres erschien erst postum. So auch die Auflage aus der Sammlung Hegewisch, die nun in der Ausstellung Edouard Manet. Radierungen gezeigt wird. Zu sehen sind 30 Werke, die aus einer Ausgabe von 1905 stammen. Neben den Bildnissen von Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire und Berthe Morisot sind populäre Motive wie Der spanische Sänger, Die Zigeuner, Der tote Torero und die Radierung nach Manets berühmtem Gemälde der Olympia zu sehen. Kurator der Ausstellung: Dr. Andreas Stolzenburg


Hamburger Kunsthalle ⋅ Stiftung öffentlichen Rechts
Ansprechpartner ⋅ Mira Forte
Glockengießerwall T + 49 (0) 40 – 428 131 204
D-20095 Hamburg F + 49 (0) 40 – 428 542 978
press[at]hamburger-kunsthalle.de
www.hamburger-kunsthalle.de
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Fotos:

(1 + 2 von oben | Hubertus Gassner | Andreas Stolzenburg) : Jörg stange
Fotos:
Edouard Manet (1832-1883)
Die Zigeuner, 1862
Radierung, 284 x 206 mm
© Sammlung Hegewisch in der Hamburger Kunsthalle
Photo: Christoph Irrgang
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Olympia, 1867
Radierung, 131 x 183 mm
© Sammlung Hegewisch in der Hamburger Kunsthalle
Photo: Christoph Irrgang

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Written by medienwatch & metainfo

März 14, 2009 um 11:57

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