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KP Brehmer | Kritisches Denkvermögen gefordert

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Skyline 1971 KP Brehmer Kassel 1997 | Foto: Katalog

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Historisches Archiv · Nr. 24 vom 21.10.1998 · Seite 9

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Kritisches Denkvermögen gefordert

21.10.1998

Von GUNNAR F. GERLACH – Er war ein politischer Künstler im besten Sinne: KP Brehmer. Dies würdigte schon die documenta 1972 in Kassel, als sie ihn im Eingangsbereich des Museums Fridericianum präsentierte – mit seiner für Furore sorgenden Arbeit „Korrektur der Nationalfarben“ (gemessen an der Vermögensverteilung). Die großformatige Fahne begrüßt auch jetzt wieder den Besucher des Fridericianums. Auch nach mehr als 25 Jahren ist diese Arbeit immer noch eines der Hauptwerke von KP Brehmer, dem das Kasseler Museum zur Zeit eine große Retrospektive widmet.KP Brehmer, geboren 1938 in Berlin und am 16. Dezember letzten Jahres in Hamburg gestorben, forderte vom Betrachter kritisches Denk- und Sehvermögen. Und er förderte dessen sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit. Der jetztige Direktor des Fridericianums und langjährige Wegbegleiter des Künstlers, René Block, zeigt ca. 400 Arbeiten, die unter dem Brehmerschen Motto „Alle Künstler lügen“ fast 40 Jahre Arbeit dokumentieren.

KP Brehmer, der bereits 1971 einer Berufung an die Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg gefolgt war, und den Fachbereich Freie Kunst entscheidend mitgeprägt hatte, wurde gern in die Schublade des politischen Künstlers eingeordnet, der sich auf seine „Briefmarken“-Bilder und „Aufsteller“ reduzieren läßt. Daß dem ganz und gar nicht so ist, sondern ein perfekt durchdekliniertes und spektrales Werk in vier Jahrzehnten entstanden ist, belegt die Ausstellung nachdrücklich.

Gezeichnete, aquarellierte und mit feinsten drucktechnischen Methoden umgesetzte Diagramme spielten stets mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit. Sie irritieren den Betrachter durch gezielte Ungenauigkeit. Gemalte Statistiken, Wärmezonen in Kopf, Körper und Herz sowie farbige geografische Vermessungen wurden zu Bildthemen, die mit tabellarischer Darstellungsweise auch „Seele und Gefühl eines Arbeiters“ und emotionale Vermessung von aquarellierten „Tagebüchern“ auszudrücken vermochten.

Die konzeptionelle Arbeitsweise, der sich Brehmer verpflichtet fühlte, beruhte auf philosophischen Fragestellungen. Wie sieht die emotionale Wärme eines Kusses aus? Kann man Trauer mit Hilfe von Kunst fühlbar machen? Was prägt unsere Wirklichkeit zwischen Bild und Abbild, populärer Medien-Kultur und wissenschaftlichen Begriffen?

Die Ausstellung zeigt, daß die von Brehmer auch verbal geforderte Sensibilisierung der Sinne erst kritisches Bewußtsein sowohl gegenüber der Kunst als auch gegenüber der Gesellschaft möglich macht. Die Schärfung der Sinne ist notwendig, um auf Propaganda und Manipulation im Alltag hinzuweisen.

Waren die früheren Druckgrafiken häufig Reproduktionen, also Abbildungen nicht existenter, gemalter Bilder, die nur im Kopf vorhanden sind, so gehen seine gemalten Bilder den umgekehrten Weg: Sie sind nachgemalte Bilder von Grafiken oder Fotos, die einmal in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden.

KP Brehmers surreal gewählter Zwischenraum ist jener, der zu individuellen Bewertungen und Nuancierungen führt. Farben und Werte sind keine objektiv interpretierbaren Gegebenheiten. Sie entwickeln ihre Wirkung zwischen Gefühl und wissenschaftlicher Eindeutigkeit. Hier muß der Künstler im wahrsten Sinne des Wortes „Flagge zeigen“, und der Kunst-Druck verwandelt sich zu einer Kunst, die unter Druck gesetzt wird.

Der „Kapitalistische Realist“ KP Brehmer überrascht mit dieser Bandbreite und Intensität – die Humor, Ironie und Selbstironie stets konzeptionell integrierte – die Kunstwelt. Der sehende Bildersammler wird jetzt erst angemessen entdeckt werden können. (Kassel, Friedrichsplatz 18, bis 29. November, mi-so 10 – 18 Uhr, do 10 – 20 Uhr; Katalog 48 Mark.)

abendblatt.de:8000/article.php

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Text vom Autor (Gunnar F. Gerlach) für Medienwatch autorisiert

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Korrektur der Nationalfarben

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KP Brehmer Kunsthalle Hamburg  «Eye Cream» Foto: Jörg Stange, Gunnar F. Gerlach GfoK Kunstarchiv

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”Sicht-Agitation!” = Schlüsselbilder und Bilderschlüssel + Ohne Metapher + etc.

https://medienwatch.wordpress.com/2009/05/26/sicht-agitation-schlusselbilder-und-bilderschlussel/

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Weitere Archiv Beiträge im HA:

Das Archiv des HA wurde systemisch umgestellt, die untenstehende Beiträge stehen online leider nicht mehr zur Verfügung .

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Zehn Jahre Städtepartnerschaft Hamburg und Osaka

„Du triffst Deinen Traum“

https://medienwatch.wordpress.com/zehn-jahre-stadtepartnerschaft-hamburg-und-osaka/

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„Das Was ist das Schwierigste“

Von GUNNAR F. GERLACH
https://medienwatch.wordpress.com/gerhard-richter-das-was-das-schwierigste-ist/

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metainfo medienwatch:

Altonaer Museum: noroomgallery präsentiert Arche & Archive ein Klimaabend mit Klimaforscher Mojib Latif und Gunnar Gerlach

https://medienwatch.wordpress.com/2009/04/13/klimaabend-noroomgallery-prasentiert-arche-archive-ein-klimaabend-mit-mojib-latif-und-gunnar-gerlach/

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»Korrektur der Nationalfarben« K(l)ein(e)-Kunstbühne Jörg Stange 2011 

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medienwatch.wordpress.com

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Written by medienwatch & metainfo

Juli 26, 2009 um 21:18

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