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Gunnar F. Gerlach: Leibeinschreibungen als Mythos, Erinnerung, Forschung, Kunst und Sammlung

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 Leibeinschreibungen als Mythos, Erinnerung, Forschung, Kunst und Sammlung:

Versuch über die Kunst- und Wissensform des Tätowierers Herbert Hoffmann

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„Mit Vorbedacht geschah es nicht, das ich tätowiert sein wollte. Es

steckte einfach in mir drin, ganz tief drin, wie eine Erbanlage, wie ein

Geburtsfehler. Jeder Mensch hat seine Fehler, und wenn das ein Fehler

sein sollte, dann war dies mein schönster Fehler und auch mein liebster Fehler…“

Herbert Hoffmann (1)

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„Die Transsubstantiation von Fleisch zu Brot und von Blut zu Wein, die

in den kultischen Opfern gefeiert wird, ist eine Vergegenwärtigung des

umgekehrten Stoffwechsels, die der menschliche Körper als Teil der

großen Natur leistet; hier genau wäre der ‚reale‘ Grund für das Imaginäre

und seine mythenbildende Kraft zu situieren.“

Dietmar Kamper (2)

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„Die Kunst fordert das geltende Realitätsprinzip heraus: da sie die Ord-

nung der Sinnlichkeit vertritt, ruft sie eine tabuierte Logik auf – die Logik

der Erfüllung gegen die Unterdrückung. Hinter der sublimierten ästhetischen

Form kommt der unsublimierte Inhalt zum Vorschein: die Verhaftung der

Kunst an das Lustprinzip.“

Herbert Marcuse (3)

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Einleitende Gedanken von Gunnar F. Gerlach

Die im folgenden versuchten Untersuchungen und Darlegungen zum Phänomen der Tätowierungspraxis von Herbert Hoffmann sind zugleich – auch im Rahmen der Ausstellung „Weisser Schimmel“ – aktuell und historisch. Dies nicht nur mit Blick auf die Wissenschaftsgebiete, die sich mit „Tattoos“ als Zeichen, Insignien, Symbolen und Erzählformen auf dem Körper und für die Psyche auseinandersetzen, sondern auch weil Anthropologie, Ethnologie und Sozialgeschichte bei dieser Körperkunstform zwischen animistischen, sub- und hochkulturellen Erscheinungen oszillieren. Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh-Programme, Ausstellungskataloge und wissenschaftliche Literatur der Gegenwart belegen dies und stehen dabei historisch wie aktuell in Verbindung zur Hansestadt Hamburg und ihrer berühmtesten Meile, der Reeperbahn.So antwortete jüngst der Frontmann der bekannten Band „Linkin Park“ auf die Frage nach seiner Tattoostudiokette in den USA, daß es seinen „Club Tattoo“ bald überall auf der Welt geben solle und „die Reeperbahn steht ganz oben auf unserer Liste“. Im Rahmen der Pressearbeit für die „Lesbisch Schwule(n) Filmtage“ in Hamburg wurde bevorzugt mit fein tätowierten Frauen- und Männerkörpern geworben, und unter der Überschrift „Ganzkörperkunstwerk“ erschien in der deutschen Ausgabe des berühmten Musik-Magazins „Rolling Stone“ (Oktober 2009) ein kleiner Artikel über die zurzeit wohl berühmteste Tätowiererin der Welt, Katherine von Drachenberg. Darin ist auch folgender Hinweis gegeben, der für unseren Zusammenhang evident ist: „In der Fernsehserie ‚L.A.Ink‘ kann man wöchentlich beobachten, welch expressive Bilder sie in ihrem Hollywood-Laden gerade sticht. Doch Katherine von Drachenberg… will auch nicht bloß als oberflächliches Gesamtkörperkunstwerk gesehen werden. Deshalb hat sie jetzt ein Buch geschrieben: In „High Voltage Tattoo“ (…) wird nebenbei erwähnt, dass sie am Klavier Beethoven-Sonaten spielen kann und eigentlich „recht konservativ“ ist, Salvador Dali verehrt und Rosenkränze sammelt….sie sieht sich allerdings längst nicht mehr als bloße Dienstleisterin:“Es gibt nichts, was einen mehr ankotzt, als ein Stacheldrahtarmband wie Pamela Andersons zu stechen.““(4)

Dem Thema der Körpermodifikationen wurde unter dem Titel „Unter die Haut – Tattoo & Piercing im Porträt“ 2009 eine Ausstellung mit wissenschaftlichem Charakter im Museum für Kommunikation in Hamburg gewidmet. Und in diesem Rahmen zeigte man auch den Film „Flammend Herz

  1. – eine Freundschaft die unter die Haut geht“ (von Andrea Schuler & Oliver Rutz, BRD/CH, 2004) mit dem heute noch lebenden, ältesten Tätowierer, Herbert Hoffmann, als Protagonisten. Mit dem 1919 in Freienwalde (Pommern) Geborenen ist nicht nur eine Geschichte seines Wirkens als Tätowierer und „soziales Gedächtnis“ in Hamburg und speziell auf St.Pauli und der Reeperbahn verbunden, sondern zudem ein Wandel in der Beobachtung und Bearbeitung des Genres selbst einhergegangen. Ausstellung und Vortrag im Kunstverein St. Pauli (2008) belegten dies nachdrücklich. Sein Bewusstsein von Handwerk, Technik und Tätigkeit des Tätowierens geht schon seit den 50er Jahren einher mit Aufzeichnungen, Studien und Forschungen über die von ihm und anderen tätowierten Menschen, ihren Lebensläufen, sozialen (Ver-)Bindungen und formensprachliche Orientierungen. Er selbst gibt, wie am 4.September 2009 auf Einladung des Museums für Kommunikation (5), beredt, hoch sympathisch und biografisch wie kulturell übergreifend von diesem Weg Auskunft. Dabei werden auch die sozialen, politischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Konnotationsmöglichkeiten dieser seit ca. 2000 v.Chr. Ausgeübten, kultisch und rituell begründeten, Tätigkeit thematisiert, die im Folgenden in drei Abschnitten untersucht werden vor dem Hintergrund seiner Biografie:I. Kleine Geschichte der Tätowierung und der Lebenslauf von Herbert HoffmannII. Formensprache und Inhalte zwischen Zeichen, Zeichnung und (Körper)KunstIII. Versuch einer Einordnung zwischen Kunst, Forschung und Wissenschaft

    IV. Kleine Geschichte der Tätowierung und der Lebenslauf von Herbert Hoffmann

Sowohl das deutsche Wort ‚tätowieren‘ (‚die Haut dauerhaft mit Verzierungen versehen‘) als auch das englische ‚Tattoo‘ haben ihren Ursprung im Tahiti-Wort ‚tatau‘. Lautmalerisch weiterentwickelt bedeutet es das Schlagen, welches beim traditionell benutzten Tätowierkamm (Polynesien) entsteht. Im England des 17. Jahrhunderts wurde es zunächst für den militärischen Zapfenstreich gebräulich und wandelte sich von ‚tattow‘ zu ‚tattoo‘. Und so waren es zunächst auch die Soldaten, die sich tätowieren ließen. Im deutschen Sprachgebrauch existieren lange Zeit ‚tatauieren‘ und ‚tätowieren‘ nebeneinander. In der Ethnologie wird jedoch weiterhin von ‚tatauieren‘ und ‚Tatauierung‘ im Kontext der „Körpermodifikationen“ (u.a. in Anthropologie, Ethnologie, Soziologie und Psychatrie) gesprochen.(6) Neben frühen Hinweisen aus dem Neolithikum (6.Jahrtausend v.Chr.) wurden tätowierte Mumien von Priesterinnen, Tänzerinnen und Konkubinen aus Ägypten und Lybien auf ca. 2000 v. Chr. datiert. Vor der griechisch-antiken Idealisierung des menschlichen Körpers war die Praxis des Tätowierens auch bei germanisch-keltischen Völkern üblich.

Das Alte Testament verbietet die Tätowierung vermutlich auf Grund einer Verbindung zum Atagartis-Kult: „…und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3.Mose 19, 28) Trotz dieses (Bild-)Verbotes trugen auch Christen in den Leib eingezeichnete Kreuze, Herzen, (Schutz-)Engel und den Namen Jesu oder späterhin sogar die berühmten, gefalteten Hände nach Albrecht Dürer. Die Intensität des Glaubens sollte damit wortwörtlich als Bekenntnis unter die Haut gehen und in den Leib als biologisch-biografisches Insignium eingeschrieben sein.

Dabei kommen den Tattoos sehr differenziert zu betrachtende Funktionen und Bedeutungen zu. Die Literatur kennt sie als ‚Mitgliedszeichen‘, rituelles (Erinnerung und Bekenntnis) oder sakrales Symbol (der Hingabe und Liebe) und nach Piere Bourdieu (und den ‚kleinen Unterschieden‘), als Ausdrucksmöglichkeit von Abgrenzung und Exklusivität. Auch als autoerotisches Mittel zur Verstärkung sexueller Reize, als Schmuck, Protest und politischer Haltung findet es zeichen- und sozialgeschichtlich Anwendung und Ausdruck.

Eine andere, dunkle und bittere Geschichte der Tätowierung im Status der Kennzeichnung zur Aus- und Eingrenzung betrifft die Geschichte des III.Reiches: leidenden Insassen von Konzentrations- lagern wurde die Häftlings-Nummer eingeritzt. Aber auch Mitglieder der SS trugen (trotz der allgemeinen Tätowierungs-Ächtung) diese Körperzeichen (linker Oberarm innen, zur Auskunft über die Blutgruppe).

Die Geschichte von Herbert Hoffmann ist mit allen bisher erwähnten Voraussetzungen und angedeuteten Elementen von Anbeginn seiner Tätigkeit verbunden: als Zeichengeber und Zeichner, Chronist und Sammler von Zeiten, Menschen, Psychogrammen, fotografischen, wissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Dokumenten, als erfinderischer Anreger für nachfolgende Freunde der Tätowierkunst, Bewahrer von individuellen Geschichten und Gesichten (Lebensläufen) und als selbst tätowierter Autor und Vortragender. Ein in der Ausstellung gezeigtes Bild eines jungen Mannes, kann vielerlei der spezifischen Methodik des Tätowierkünstlers und Forschers zeigen:

Das in schwarz-weiß gegebene 3/4-Portrait en face eines jungen, tätowierten Mannes, zeigt uns unter der Hoffmannschen Foto-Sammlungs-Nr. 319 einen seiner „Bilderbuch-Menschen“, der u.a. am rechten Unterarm ein großes, dreimastiges Segelschiff mit dem Schriftzug ‚Hamburg‘ zeigt – und, die „nautischen Motive sind bis heute meine Lieblingsmotive“, sagt der heute in der Schweiz (Heiden) Lebende. Unterhalb des Archiv-Dokumentes findet sich folgender Eintrag: „SIEGFRIED MÜLLER, geb. ca. 1952, 2 Hamburg 4 , Hein-Köllisch-Platz 11, Seemann. Ein sehr netter, stets fröhlicher Bursche mit sehr großer Tätowierbegeisterung. Von 1970 bis 1972 ließ er sich von uns (H) (A) Br. Tätowieren, wozu er hin und wieder auch seinen Vater mitbrachte. Beim Tätowieren des Segelschiffes auf Brust und Bauch war er jedoch sehr überempfindlich.“ Bei der letzten Bemerkung handelt es sich um die Beschreibung der nach dem Foto erstellten, weiteren Tätowierung (die nicht im Bild zu sehen ist)

Woher kommt diese Vorliebe, nicht nur für Tattoos, sondern auch für sogenannt ‚einfache Leute und Arbeiter‘, psychische Befindlichkeiten der Tätowierten und die nahezu obsessive und manische Lust an exakten Bestandsaufnahmen des gesamten, zu großen Teilen systematisch archivierten, Umfeldes: Erlebnisse, Anekdoten, Biografien, Tätowier-Techniken, Motive, Symbole, Klassifizierungs- und Motivtafelntafeln, Zeitungs-Ausrissen (zwischen nationalen und internationalen Tageszeitungs-Artikeln und Bildern tätowierter Frauen und Männer, Sex- und Yellow-Press-Zeitschriften bis hin zu seriösen und wissenschaftlichen Essais und Foto-Dokumenten), die nicht nur ein Gesamtkörper-Kunstwerk als Begrifflichkeit seiner Kunst der Leibeinschreibung belegen, sondern tatsächlich eine Zusammenschau von Produktions-Prozess, Produkt (Kunst-Werk) und ihrer Rezeption belegen. Hier erscheint es sinnvoll, den Produzenten selbst aus seinen autobiografischen Aufzeichnungen, „WARUM BIN ICH TÄTOWIERT – Lebensbeschreibung von Herbert Hoffmann“ (7) sprechen zu lassen:

  1. „Tätowierungen sind eine Entscheidung für das ganze Leben. Immer mit ihnen Leben zu wollen, setzten Entschlusskraft und Beständigkeit voraus, sowie ein festes Bekenntnis zur Tätowierung: Ich habe diese Eigenschaften; ich stehe zu meinem Wort und zu meiner Tat….Ich entstamme einer Handwerkerfamilie mit Landwirtschaft in einer pommerschen Kleinstadt (Freienwalde im Kreis Stargard-Saatzig). Die gestrengen Eltern erzogen meine Geschwister und mich nach ihrem Grundsatz, daß der Mensch zu arbeiten hat. Ringsum wurde sehr viel gearbeitet, oft schwer und schmutzig…Sie lebten bescheiden und sehr genügsam. Tätowierungen waren bei ihnen verbreitet, einfache blaue Tätowierungen auf Armen und Händen…Bald gehörten nach meiner Vorstellung Arbeitsleute und Tätowierungen zueinander.“ (9)
  2. Erwähnung finden in dieser Aufzeichnung nun Berufsgruppen, die soziologisch und bürgerlich-hierarchisch der Unterschicht, politisch dem Proletariat, zugeordnet werden, u.a.: Straßenfeger, Müllkutscher, Steinsetzer (8), Maurer, Binnenschiffer und Seeleute (man beachte die feine Unterscheidung!), Hafenarbeiter und das ‚Fahrende Volk‘ der Rummelplatzarbeiter und Zirkusreisenden – dies alles als Beleg der großen Zuneigung für die einfachen, aber eben auch ausgebeuteten, unterdrückten und entwurzelten Mitmenschen! Und diese Beobachtungen und Begegnungen beschreibt der 1939 in den Reichsarbeitsdienst (in Pölitz bei Stettin) kommandierte akribisch weiter, auch für die schwere Zeit von 1941 bis 1945, wo er als Wehrmachtssoldat im Rußlandfeldzug in der Nachrichtendienstabteilung dienen mußte: „Als ich 1943 einen stark tätowierten Hafenarbeiter arglos fragte, ob er mir sagen könne, wo ich mich tätowieren lassen kann, antwortete er mir: ‚Ich bin gerade erst aus dem KZ gekommen, ich will nicht wieder dahin zurück.“ (9) Erziehung, Wahrnehmung, Arbeitsethos, Nachrichtendienst-Erfahrung und die sozial-politische Dimension der damals noch geächteten Kunst des Tätowierens, bilden so die Folie auf der sich die weitere Entwicklung dieses umfangreichen Werkes entwickelte. Dies alles führte schließlich zum ersten selbstgefertigten Tattoo: das beliebte Seefahrermotiv für die christliche Trias von „Glaube, Liebe, Hoffnung“: Anker, Herz und Kreuz. (10)

Nach seinen Lehr- und Wanderjahren (10 Jahren als Amateur-Tatowierer und Reisen zu Kollegen und Lehrmeistern nach u.a. London, Amsterdam und Kopenhagen) weihte ihn dann schließlich der „König der Tätowierer“, Christian Warlich, zum Kronprinzen in ‚Hamburg an der Elbe‘,auf St.Pauli und übergab Herbert Hoffmann 1965 (nach Warlichs Tod) die Älteste Tätowierstube in Deutschland. Nun konnte er „Farbe in die Haut bringen“ (H.H.) und die Tätowierung wurde zu einer eingezeichneten und eingeschriebenen Lebensgeschichte auf der Haut und in der Kommunikation zwischen allen gesellschaftlichen Schichten und Klassen: von Arbeitern und Seeleuten zu Fabrikanten und Ärzten – so wie die Geschichte auch tätowierte Gestalten der höheren Klassen bis hin zum Hochadel kannte und kennt (u.a. Prinz Heinrich von Preussen, Zar Nikolai) und damit einen sehr individuellen Freiheitsbegriff leibeigentlich abbilden: so dokumentieren die Tätowierten nicht nur eine Überwindung von Geschlechter-Zuweisungen (zunächst waren nur „freaks“ auf Rummelplatz-Vorführungen und Frauen des Rotlicht-Viertels tätowiert und es gab noch keine weiblichen Tätowiererinnen), sondern zudem Respekt, Verständnis und Freundschaft als globales Phänomen. Dies führte schließlich auch über die völkerverbindende Zeichensetzung dazu, das die Zeichen- und Zeichnungskunst heutzutage über Design- und Kunst(hoch)schulen keine klassenspezifische Zuweisung und Ächtung erfährt und gestalterisch ein stetig wachsendes Niveau annimmt.

Die Leistung von Herbert Hoffmann, der von 1950 bis 1990 aktiv ca. 40 bis 50.000 Menschen tätowierte und davon etwa 400 fotografisch, archivarisch und schriftlich dokumentierte bleibt dabei wohl einzigartig – in Obsession und Manie, wie sie zwischen Zeichen und Zeichnung auch den Künsten und vielen ihren historischen und aktuellen Produzenten eigen ist.

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Formensprache und Inhalte zwischen Zeichen, Zeichnung und (Körper)Kunst

Die Zeichen und Zeichnungen die von Herbert Hoffmann und anderen Tätowierern verwendet werden sind durchaus als symbolische Superzeichen zwischen Realismus, Bild-Propaganda, POP Art, konzeptueller Kunst bis hin zu einer Art des naturalistischen Fluxus auf dem Körper und künstlerischen Selbstinszenierungen zu betrachten – sind doch diverse Techniken, Methoden und Strategien sowohl in der Geschichte der bildenden Kunst, als auch in der aktuellen Gegenwart und in dieser Ausstellung spurensichernd aufzuspüren. Die Koinzidenz von Schrift und Zeichnung als zeichengebende Verfahren mit inhaltlichen Bedeutungszuweisungen kann auch als eine ‚Fährte zur menschlichen Vernunft‘ aufgefasst werden. Als Herbert Hoffmann schrieb : „Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann komme ich zu dem eindeutigen Resultat, ich habe richtig gehandelt, dass ich mit Mutter Natur gelebt und mich nicht gegen sie gestemmt habe. Hätte ich aus ängstlichem Kleinmut meine Tätowierlust unterdrückt (Anmerkg.v. V.: siehe das Einleitungs-Motto von Herbert Marcuse), so wäre ich zeitlebens unglücklich gewesen.. Seit ich tätowiert bin, ist mein Leben schön und sinnvoll.“, bezeichnete dies die handelnde Technik des Zeichengebens und des Zeichnens genauso, wie das Eigenleib eingeschriebene und eingezeichnete Erleben des fließenden Stoffes in den Adern und in der eigenen Natur, die bis zur kulturell-künstlerischen Bilderfindung reicht. Hier ließe sich sogar an eine Aussage Leonardo Da Vincis (1452 – 1519) aus dem Trattato della pittura, Abschnitt 33, denken: „Die Zeichenkunst besitzt so außerordentliche Eigenschaften, daß sie nicht nur den Werken der Natur nachgeht, sondern unendlich viel mehr hervorbringen kann, als die Natur selbst gemacht hat.“

Entnehmen wir aus einer der bisher ungezählten Sammlungs-Schachteln eine der systematisch und auch zum Vergleich angeordneten Motivtafel (mit Vorzeichnungen), so erkennen wir den Zusammenhang mit den auf Körpern ausgeführten Bildern. So zeigt der um 1900 geborene Henry Riedel Jahn (Foto-Slgs.Nr. 191, s. Katalog), der als Sohn eines Bremer Konsuls zum New Yorker Fabrikanten wurde, eine zumeist schwarze Ganzkörper-Tätowierung (u.a. eines großen Drachen) und einem weissen Mann (unter der Achsel als unbeschriebene Haut stehen gelassen), der selbst wiederum feinziselierte Tattoos trägt: ‚der weisse Mann auf weisser Haut‘ verweist auf eine Bedeutungs-Inversion – auch auf den bewusst tautologisch gewählten Ausstellungstitel, „Weisser Schimmel“ als Hinweis auf die Kunst des inneren Sehens und dazwischen Lesens von Kunstwerken (fernab normativer, sprachlicher Konnotationen). (11) Zu erkennen ist auch die an diesem (mittlerweile verstorbenen) „lebendigem Kunstwerk“ die Verbindung zu geschichtlichen und aktuellen künstlerischen Arbeiten und ihren Methoden: die vorliegende Bildkombinatorik verweist auf Kategorien und Stile, die wir mit den Begriffen Mehrfeldbild, Realismus und Surrealismus, Pop (Art), Maskierung, , individuelle Mythologie und künstlerische Selbstinszenierung in einen Kontext bringen können. In der Ausstellung sind es u.a. die Zeichnungen und Bildwerke von Thomas Rieck (12), die synkretistisch und neo-surreal scheinbar Unvereinbares mit visueller Folgerichtigkeit verbinden und eine neue Erzählung generieren. Die Fähigkeit zur Zusammenschau von popartigen Superzeichen, banalen Sujets und mit alchimistisch-kunsthistorischem Bewusstsein zusammengegossenen Gemälden sind von Sigmar Polke bekannt. Auch die Abstraktion der Zeichen- und Zeichnungsgebung, sowie die Praktiken von skurriler Collagierung bis hin zum „Copy&Paste“ sind längst in den bürgerlichen Haushalt der Kunstgeschichte übergegangen. Aber der Leib mit fließendem Blut als lebendes Kunstwerk scheint noch immer ein Tabu zu thematisieren.

Die mit plastischer und ästhetischer Chirurgie arbeitende, französische Künstlerin Orlan, die 1995 anlässlich des Symposiums „ Übergangsbogen und Überhöhungsrampe“ an der HfbK Hamburg die Besucher mit ihren Körpermodifikationen schockierte, thematisiert dies genauso, wie der spanische Künstler und ehemalige HfbK-Student Santiago Sierra: auch er nutzte die Körpermodifikation und verwirklichte eine gegen Bezahlung auf sechs kubanische, lebende Körper tätowierte Linie: als Zeichen gegen Unterdrückung und Ausbeutung – und als Selbstbehauptung. Der deutsche Künstler Timm Ulrichs hatte bereits in den 70er Jahren mit den Tätowierern Kohrs und Streckenbach künstlerische Projekte verwirklicht und als „Totalkünstler“ traditionelle Tätowiermotive auf Leinwand gebracht. Die natürliche Leibeinschreibung als synchrone Präsens von Körper, Kunst, Künstler und historischer Avantgarde-Forderung („Leben = Kunst und Kunst = Leben) wurde wieder in die kulturell approbierte, vermeintlich zivilisierte Repräsentations-Praxis der Kunst zurückgeführt – auch ein Ausdruck vom „… Unbehagen in der Kultur“ (Sigmund Freud, 1930) und eine kritische Stellungnahme.

Wie gegenwärtig dabei aber die individuelle Mythologie bis hin zur künstlerischen Selbstinszenierung ist, zeigen zwei andere Projekte, die mit dem Bewusstsein für den vorliegenden Zusammenhang eng verbunden sind: in dem Performance-Video „The Sleeper“ (2004/05) des britischen Künstlers und Turner-Prize-Trägers, Mark Wallinger, tanzt er selbst als (Ganzkörper) verkleideter Bär zehn Nächte durch die Neue Nationalgalerie in Berlin und verweist auf die auch beuyssche Thematik der Auslotung von Grenzen zwischen Körper und Geist bis zur Erschöpfung. Wallinger empfand dabei „Erleichterung einmal selbst das Kunstwerk zu sein“. (14) Und so, wie in Peter Greenaways Film „Die Bettlektüre“ (1996), mit kalligraphischen Zeichen beschriebene, menschliche Haut zum Buch wurde, arbeitet auch die us-amerikanische Künstlerin Shelley Jordan an ihrem aktuellen „The Skin Project“: sie hat eine 2095 Wörter umfassende Kurzgeschichte verfasst und Freiwillige lassen sich jeweils ein Wort der Geschichte tätowieren.

Unter diesem Aspekt ließe sich auch Goyas „nackte Maja“ (1798 – 1805) mit den fotografierten Akten tätowierter Menschen von Herbert Hoffmann zusammendenken und vergleichen: sowohl in der Akribie von Zeichnung und Bild, als auch als Leibeingeschriebene Erinnerung zwischen Freude und Leid, Natur und Kultur, maskiertem Schutz, offensiver Überschreitung kultureller Normen und innerer Selbstvergewisserung einer Haltung als auch künstlerisches und wissenschaftliches Ethos. In einer Ghasel Friedrich Rückerts heißt es poetisch:

„ Du bist der Schreiber und die Schrift bist du, // Tint‘ und Papier und Schreibstift bist du.“

Du bist die Sternenschrift am Himmel dort, //Im Herzen hier die Liebesschrift bist du.“ (15)

Und die antike Schutzgöttin des Gedächtnisses und der Erinnerung ist „Mnemosyne“, nach der der hamburger Kulturwissenschaftler Aby Warburg seinen legendären Bilderatlas zum Nachleben der Antike benannte. Die auf dem Leib festgehaltenen und erzählten Geschichten werden zum auch kunstvollen, lebendig gehaltenen Gedächtnis.

  1. Versuch einer Einordnung zwischen Kunst, Forschung und Wissenschaft

  • Die Einbeziehung des die Tätowierkunst von Herbert Hoffmann umspielenden und erweiternden Materials – die Zettel-, Sammlungs- und Fotokästen, individuell erlebten und aufgespürten Geschichten zwischen Populismus und ernsthafter Auseinandersetzung, systematisierten Motivtafeln und fotografisch in Szene gesetzten ‚Bilderbuchmenschen‘, zwischen Schrift, Zeichen, Zeichnung und Bild – können dazu Anlaß geben, einen gewagten Versuch zu unternehmen: die Gesamtheit der zusammenspielenden Phänomene in einem Horizont des Vergleichs zwischen Kunst und Forschung zu stellen – auch als Experiment.

  • In dem Aufsatz von Werner Hofmann über Aby Warburg,, „Die Menschenrechte des Auges“, beginnt der Autor mit einer für unseren Zusammenhang elementaren Aussage: „Gaston Bachelard hat einma gesagt: ‚Der Historiker wählt in der Geschichte seine Geschichte‘. Wir glauben diesen Satz in einer Weise zu verstehen, wie Bachelard ihn wohl kaum gemeint hat. Wie Ödipus wählt der Historiker in der Geschichte wirklich seine, nämlich seine eigene Geschichte. Sich in dieser Weise (im existenzialistischen Sinne) selbst zu wählen, bedeutet keineswegs einen Rückzug oder geistige Einengung, sondern einen Rückgriff auf das innere Fundament, das für keine wissenschaftliche Strategie entbehrlich ist. Diese Grundlage objektiviert sich in einer fortwährenden Auseinandersetzung mit den alltäglichen Gegebenheiten und den Bezugssystemen, die jede Epoche den in ihr lebenden anbietet.“ (16)

Die Praxis der auf Erinnerung und Gedächtnis (17) gedachten sammelns und klassenfizierens kennen wir aus der künstlerischen wie aus der wissenschaftlichen Arbeit. Besonders in Hamburg ließe sich da an drei Persönlichkeiten denken.

Für die bildende Kunst kommt Christian Boltanski mit seiner Installation in der hamburger ‚Galerie der Gegenwart‘ in den Sinn: „Re’serve: Les Suisses Mort“ (1990) konzentriert Fotos und gestapelte Blechdosen als anklagendes Erinnerungs-Reservoir. Und in der „Vitrine de Re’fere’nce“ (1970) werden auch banale Dokumente des Alltagslebens zu bestaunenswerten Kostbarkeiten.

Diese ‚Spuren und Archive‘ als Wissenschaft suggerierendes, künstlerisches Material kennt einen fließenden Übergang in die literarische Arbeitsweise: der 1914 in Hamburg-Hamm geborene Schriftsteller Arno Schmidt, der sich einfühlsam über die Dialekte der handelnden Personen seinem Schriftgut annäherte, verwirklichte in seinem „ZETTEL’S TRAUM“ (1970, in Anspielung auf Shakespeares `Mittsommernachtstraum‘) seine eigene, manische und obsessive Leidenschaft für Karteikarten, Kästen und Fotografien. Auch sie oszillierten zwischen der Kunst schriftlicher Formulierung, Forschung und Wissenschaft.

Weltweit ist kaum eine forschende, auch mit skurrilen Seiten behaftete, Persönlichkeit so verbunden mit einer nahezu exzessiven Lust am reisenden forschen, sammeln, systematisieren und wissenschaftlichem Kategorisieren, wie Aby Warburg. Sein auf der Kombination von Bildern, Fotografien und Texten (Schriften, Kommentare) basierender (zu Lebzeiten nicht mehr vollendeter) umfangreicher Bilderatlas „Mnemosyne“ beschränkte sich nicht auf die klassischen Forschungsobjekte der Kunstwissenschaft, sondern berücksichtigte auch Dokumente der Popular-Kultur: Werbeplakate, Briefmarken, Zeitungsausschnitte, Pressefotos von Tagesereignissen als Demonstrations- und Forschungsmittel. 1894/95 beobachtet und integrierte er sogar Maskentänze (lebende Kunst und Verkleidungen) der Hopi-Indianer (Arizona) in seinen umfangreichen Interessens- und Forschungshaushalt zur Ergründung des Nachlebens der Antike und der Ergründung ihrer Pathosformeln als „Energiesymbole der Tat…, Ausdrucksformeln für lebhafte Bewegung körperlicher und seelischer Kräfte.“ (19) Warburg reichten die herkömmlichen Betrachtungsweisen der Kultur- und Kunstwissenschaft nicht – er kritisierte sie: „Die formale Betrachtung des Bildes – unbegriffen als biologisch notwendiges Produkt zwischen Religion und Kunstausübung – …schien mir ein steriles Wortgeschäft hervorzurufen…“ (20)

Die kunstvoll praktizierten Leibeinschreibungen des Tätowier-Künstlers und Forschers Herbert Hoffmann könnten an so einer Stich- und Nahtstelle auch kunstkritisch betrachtet werden und einen Horizont erweitern für die Betrachtung und Erforschung von Body Art, Körperkunst, individueller Mytholgie und künstlerischer Selbstinszenierung zwischen Sub- und Hochkultur. Grenzüberschreitung und Wagemut gehört zu diesem Geschäft. Mit den Worten des Tätowiermeisters selbst, der noch heute, 90jährig, „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller auswendig aufzusagen weiß: „Nichts im Leben ist wichtiger als Vertrauen zu- und miteinander.“

(21) Anmerkungen. Text Gunnar F. Gerlach 2010, autorisiert für medienwatch & metainfo  (leicht redigierter Text: Seite in Bearbeitung)

Memo 2010 Online-Erstveröffentlichung im Katalog:  WEISSER SCHIMMEL – You can observe a lot by watching Gruppenausstellung, kuratiert von Nicola Torke + Christoph Grau. Sammlung Falckenberg  Phoenix Hallen (Kulturstiftung) Hamburg-Harburg.

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Gruppenausstellung, kuratiert von Nicola Torke + Christoph Grau

http://sammlung-falckenberg.de/bilder/schimmel/archiv-schimmel.htm

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Herbert Hoffmann (* 30. Dezember 1919 in Freienwalde in Pommern; † 30. Juni 2010 in Heiden, Schweiz) war ein deutscher Tätowierer und Fotograf.  Mehr => [::]

 

[°°] Drei Jahre Kunstverein: Seit 2006 gibt es den Kunstverein St. Pauli. Er ist nahezu ein Geheimtipp, nur selten und auf Codewort geöffnet, kann aber durchaus mit einer Jubiläumspublikation aufwarten: altes Schallplattenformat 30×30, 32 Textseiten, 64 farbige Bildseiten, Beiträge unter anderem von Stephan Dillemuth, Gunnar F. Gerlach, Herbert Hoffmann, Kai Hölzner, Robert Krokowski, Uwe Lewitzky, Nora Sdun, Angelica Schieder. Buchpräsentation und Ausstellung „lucky 13 and the unholy 7“, So, 6. 9., 13 – 15 Uhr. Kunstverein St. Pauli, Reeperbahn 83 HAJO SCHIFF

http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ha&dig=2009%2F09%2F05%2Fa0239&cHash=3c36a482ac235275f370eeb44a358371

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Written by medienwatch & metainfo

Oktober 23, 2014 um 12:51

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