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Gerhard Richter | „Das Was ist das Schwierigste“

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„Das Was ist das Schwierigste“

Von GUNNAR F. GERLACH

In Hannover ist eine umfangreiche Ausstellung mit Landschaftsbildern von Gerhard Richter zu sehen, die zeitlich nicht hätte besser gelegt werden können. Als „Kapitalistischer Realist“ der ersten Stunde gehörte er neben Sigmar Polke, Konrad Lueg, KP Brehmer und Wolf Vostell zu jener bundesdeutschen Variante der amerikanischen Pop Art, die gleichzeitig eine ironische Antwort auf den propagandistisch entglittenen Sozialistischen Realismus war. Die Ausstellung „Gerhard Richter. Landschaften“ wird nur in Hannover zu sehen sein und ist die erste Museumsausstellung des 1932 in Dresden geborenen Künstlers seit mehr als fünf Jahren. Gezeigt wird eine repräsentative Auswahl von 45 Gemälden aus der Zeit von 1963 bis heute, darunter auch einige Arbeiten, die bislang noch nicht öffentlich präsentiert worden sind. In seinen jungen Jahren dienten Gerhard Richter vor allem Illustriertenbilder und Amateurfotos als Motivvorlagen für eine Malerei, die sich thematisch so wenig festlegen wollte, wie sie auch formal stets eine offene Malerei einforderte. Vom persönlichen Erleben wollte er sich befreien und das reine Bild produzieren, ja, sogar die Malerei als Mittel für die Fotografie verwenden. Seinen persönlichen Bilder-Atlas (1962 – 96) demonstrierte er als Work-in-progress, das aus etwa 5000 Bildern besteht, während der documenta 1997 in Kassel: eine Black-box, in der Schichten der Erinnerung präsent sind. Individuelle Episoden wie auch geschichtliche Ereignisse werden darin „aufbewahrt“ – im Zusammenspiel von persönlichem und kollektivem Unbewußten. Das prägt das Werk von Gerhard Richter bis heute. Seine Methode der Bildaneignung beschrieb der Künstler am 12. Oktober 1986, also vor 12 Jahren, in diesem Sinne: „Was soll ich malen, wie soll ich malen. Das Was ist das Schwierigste, denn es ist das Eigentliche. Das Wie ist vergleichsweise leicht. Mit dem Wie beginnen ist leichtsinnig, aber legitim. Das Wie anwenden, also die Bedingungen der Technik, des Materials, wie die der physischen Möglichkeiten, im Hinblick auf die Absicht nutzen. Die Absicht: nichts erfinden, keine Idee, keine Komposition, keinen Gegenstand, keine Form – und alles erhalten: Komposition, Gegenstand, Form, Idee, Bild.“ Diese nur scheinbar widersprüchlichen Äußerungen sind aktuell geblieben angesichts medientechnischer Bildüberflutungen und dauernder Großphotografie. Die Provokation liegt im Rückzug auf das malerische innerhalb des Genres Malerei und bezieht sich auf die geschichtlichen Vorgaben einer Kunstgeschichte der Malerei. Richter „genießt die gute, die klassische Malerei, vor allem Corot und Rembrandt, aber auch Courbet“. Landschaften entstehen innerhalb seines Werkgefüges seit mehr als 35 Jahren kontinuierlich, und gerade die romantischen Landschaften beziehen sich stets wieder auf den virtuosen Einsatz verschiedenster malerischer Techniken. Charakteristisch für seinen Umgang mit Bildan- und auschnitt sowie gewählter Technik, sind seine Anlehnungen bei dem Wahl-Dresdner Caspar David Friedrich, der gemeinhin als Urbild des deutsch-romantischen Malers gilt, und ab 1798 bis zu seinem Tode in Dresden lebte und arbeitete. Und obwohl Gerhard Richter nach seinen geknipsten Vorlagen minutiös abmalt, eignet allen Landschaften zugleich eine Abstraktion mit Verweis auf die Romantik an. Die Bildausschnitte müßten darauf untersucht werden, ob hier gleichzeitig nicht Forderungen der Schule von Barbizon um Gustave Courbet mit zum Tragen kommen, die den Begriff des „Realismus“ auch als politische Stilkategorie mitprägten. So wie unsere Wahrnehmung tatsächlich auf Selektionen und „Verwischungen“ beruht, versucht sich Richter „ein Bild zu machen von der Welt“, denn über die Augen-Blicks-Situationen hinaus werden die Gemälde zu einem dialektischen Künstlerspiel zwischen Immanenz und Transzendenz. So werden die „Feldwege“ und „Seestücke“ zu einem Versuch, das zu verstehen, was ist. Die Wahrheit darf eben auch manchmal schön sein. (Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, bis 3. Januar 1999, mi-so 10-18, di 10-20 Uhr.)

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abendblatt.de:8000/article.php

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HA Historisches Archiv · Nr. 24 vom 22.10.1998 · Seite 9

Archivtexte wurden automatisch digitalisiert und können Fehler enthalten

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Buchkritik Gerhard Richter

Wider den deutschen Forst

[…] Er verweigert den Aufblick auf den Wald. Das Kronendach des Waldes ist dem Spaziergänger Richter nicht zugänglich. Er bleibt am Boden. Das ist, wenn es um den Wald geht, weniger deutsch, als man bei Richter erwartet hätte. Man muss nur an den Lärchenwald von Zernikow in Brandenburg erinnern, dessen darin angepflanzte Hakenkreuzstruktur man nur von oben mit einem Blick auf das Walddach aus dem Flugzeug erkennen und sehen konnte […]

Gerhard Richter fotografiert den Wald und bleibt dabei am Boden. Denn nur von oben lässt sich eine aus Bäumen gepflanzte Hakenkreuzstruktur erkennen VON CORD RIECHELMANN :

http://www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/wider-den-deutschen-forst/

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Text vom Autor Gunnar F. Gerlach autorisiert für Medienwatch, Danke! Foto/Idee: Eine Woche «Was Wasa Was – Wasa Wash Wasch ’09» Jörg Stange [auf ausdrücklichen Wunsch von Gunnar F. Gerlach dem Text beigestellt 2009].

Written by medienwatch & metainfo

Juli 26, 2009 um 21:48

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