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DG Reiß: Kunst ist kein Marketing-Hit + mehr

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Kunst ist kein Marketing-Hit

Ein Kommentar von DG Reiß zur »Kreativität« und den Kampagnen zur »Kultur- und Kreativwirtschaft«.

Von Hamburger Politikern werden die neuen Kreativinstanzen oftmals als kulturelles Allheilmittel verstandenen, auch und gerade für die bildende Kunst. Im Hamburger Abendblatt vom 19./20. Juni 2010 war ein Interview mit dem Hamburger Maler Daniel Richter zu lesen, in dem es unter anderem um die neu gegründete „Kreativagentur“ (jetzt: „Hamburg Kreativ Gesellschaft“) ging:

Richter: „Tja. Das sind so Versuche, etwas zu institutionalisieren. Schon dieser Name. Das sind doch keine Danone-Berater! Das ist der Versuch, etwas zu verwalten, von dem man gar keinen Begriff hat. Kreativität ist etwas für Werber, Grafiker und Fotografen, die hat mit Kunst erst mal nichts zu tun. Der Akt des Schaffens als Künstler ist ein anderer als der eines Auftragnehmers für einen Konzern oder Sportverein. Dass man immer noch denkt, Kreativität und Kunst seien die gleiche Mischpoke, ist totaler Quatsch. Die Logik dahinter: Kunst ist immer erst interessant, wenn sie bereits durchgesetzt ist …“ Abendblatt: „… und vermarktbar …“

In dem Nachschlagewerk »Meyers Großes Lexikon« (1983) findet sich zu dem Begriff Kreativität die »Fähigkeit, produktiv zu denken und die Ergebnisse dieses Denkens v. a. originell, als neue Verarbeitung existierender Informationen zu konkretisieren, etwa in Form einer neuen Erfindung oder eines Kunstwerkes.«

Insofern sind Künstler selbstverständlich auch kreativ. Nur: die Art und Weise, wie seit einigen Jahren mit dem Begriff Kreativität umgegangen wird, stößt bei den Künstlern immer mehr auf Unverständnis, sorgt für Unbehagen. Von der Stadt in Auftrag gegebene Studien wie die der Unternehmensberatung Roland Berger zur »Talentstadt Hamburg« empfehlen, die »Kultur- und Kreativwirtschaft« im Sinne eines Image-Gewinns für die Stadt stärker zu fördern. Unter Kreativität wird in dieser Art Studien alles irgendwie »Künstlerische« gefasst. Vor allem effektvolle, öffentlichkeitswirksame Bildsprachen und Strategien sind gemeint. Unter diesem Begriff von Kreativität finden sich Bildende Künstler verständlicherweise nur ungern eingeordnet. Kunst ist kein Marketing-Hit. Das passt einfach nicht zum Wesen von künstlerischer Forschung, visueller Reflektion und anderen Fragestellungen, die die Arbeit von Künstlern im Kern ausmachen.

Hier liegt ein Missverständnis vor, und ein weiteres schließt sich dem gleich an. Es geistert durch die Köpfe derer, die von Kreativität reden, nämlich dass sie zwangsläufig neue Geschäftsmodelle und damit verbundene Gewinnaussichten kreiert. Gegen Gewinn ist überhaupt nichts einzuwenden, ich möchte da nicht missverstanden werden. Aber Kunst funktioniert nun mal nicht unbedingt so. Gegenüber dem Finanzamt alljährlich die erforderliche »Gewinnerzielungabsicht« nachzuweisen, ist vielen Künstlerinnen eine wohl bekannte Hürde.
Müssen wir uns von den fundamentalen Kriterien des »Kunst-Machens« verabschieden? Müssen wir Kunst umwidmen wegen einer politischen Leitlinie, einer städtischen Werbestrategie? Die bildenden KünstlerInnen fordern zu Recht, dass der Besonderheit künstlerischer Tätigkeit Rechnung getragen wird und die Begriffe von Kunst und Kreativität künftig in der politischen und öffentlichen Diskussion differenzierter verwendet werden.

Unter solchen Vorzeichen würden wir eine »Kreativ-Gesellschaft« prinzipiell begrüßen: Kunstförderung nicht als Alimentation, sondern als wichtige Investition für die Zukunft der Gesellschaft zu begreifen. Zwischen dem, was so auch der Geschäftsführer der »Hamburg Kreativ Gesellschaft«, Herr Egbert Rühl, kürzlich in einem Interview in der Zeitung »Die Welt« äußerte, und uns Künstlern gibt es gar keinen Dissens. Doch wird hier wirklich eine neue Lobby für Kunst und Kultur entstehen? Wie kann die Bildende Kunst tatsächlich davon profitieren? Wo sind die tauglichen Konzepte?

Bereits bestehende Maßnahmen und Initiativen – seien es die Förderprogramme der Behörde für Kultur, Sport und Medien, das Engagement der Off-Räume oder die Arbeit der Fachgremien, der Kunst fördernden Vereine und nicht zuletzt des Berufsverbandes – müssten in der politischen Wahrnehmung als vielschichtiges Ganzes verstanden werden. Nur so kann eine nachhaltige Strategie, eine zukunftstaugliche Politik entwickelt werden, wie sie seit langem vermisst wird.

Das Kunstwerk, die Kunstaktion als unverzichtbarer Begleiter durch den Alltag, als geistige und emotionale Bereicherung: Ideen aus den 1980er Jahren, Forderungen wie »Kunst für alle«, wären durchaus geeignet, die Kulturpolitik wieder glaubhaft zu machen und sie nicht hinter Kreativverwaltung zu verschanzen. Einige der damaligen „Erfindungen“ wären mit Sicherheit heute mehr denn je brauchbar. Eine neue »Woche der  bildenden Kunst« zum Beispiel oder gute Voraussetzungen für engagierte Stadtteilgalerien, dies wären erkennbare Zeichen im Stadtraum und eine niedrigschwellige Erweiterung des Kunstfelds. Wären das vielleicht sogar Zielrichtungen, die mit der ebenfalls neu gegründeten »Initiative Kultur- & Kreativwirtschaft« der Bundesregierung und ihrer Suche nach neuen »Geschäftsideen« vereinbar sind? Die »Hamburg Kreativ Gesellschaft« könnte tatsächlich als Schnittstelle wirken, um einen Dialog zwischen Kunst, Politik – und letztlich auch der Wirtschaft effektiv einzuleiten. DG Reiß (Berufsverband bildender Künstler)

PS: Zur Erinnerung und als Diskussions-Grundlage, noch ein Zitat aus »Meyers Großes Lexikon«, diesmal zum Stichwort Kunst: Es bezeichnet »die Gesamtheit des von Menschen Hervorgebrachten, das nicht durch eine Funktion eindeutig festgelegt oder darin erschöpft ist, zu dessen Voraussetzungen hohes und spezifisches Können gehört und das sich durch seine gesellschaftliche Geltung auszeichnet als Ausdruck von Besonderheit. Bei der Beurteilung der Kunst gelten in der jeweiligen Gesellschaft und Epoche unterschiedliche, von den historischen Bedingungen abhängige Maßstäbe, mit denen Wert, Funktion, und Bedeutung des Kunstwerkes bestimmt werden. Kunstwerke setzen eine kognitive (die Erkenntnis betreffend) praktisch sinnliche Aneignung der Welt voraus, diese Aneignung geschieht dadurch, dass die Welt wahrgenommen, gedeutet (d.h. in einem für die jeweilige Gesellschaft bedeutsamen Sinnzusammenhang gestellt) und im Vollzug willentliche Einwirkung Umwandlung und Bearbeitung gestaltet wird. Soweit in dieser Gestaltung die Kunst auf Erkenntnisse bezogen ist, eignet ihr ein Anspruch auf Wahrheit, der – im Falle seiner Unterdrückung – das kritische Potenzial von Kunst, das sich gegen diese Unterdrückung wendet, deutlich und wirksam werden lässt. Andererseits besagt dieser Bezug der Kunst zu existenzieller Wahrheit, dass saturierte, akademische  oder von Staats wegen offizielle Kunst, Pseudo-Kunst bleiben muss. Die Freiheit der Kunst, zumindest von totaler Reglementierung, ist eine ihrer Existenzbedingungen; in der BRD ist sie ausdrücklich garantiert, Art.5 GG.«

P.S: Die Hamburg Kreativ Gesellschaft lädt Akteure aus dem Bereich der Bildenden Kunst ein: Kantine der Phoenix-Werke, Hannoversche Straße 88, 21079 Hamburg, 20. Oktober 2010 um 19:00 Uhr

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Objekt: Weisse Neuseeländer: Rammlerschau «Beckenknochen, Hoden etwas lang» Jörg Stange, Gunnar F. Gerlach GfoK Kunstarchiv | Zur besseren Lesbarkeit: Doppelklick!

https://medienwatch.wordpress.com/gerhard-richter-das-was-das-schwierigste-ist/

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Musikstadt. Kunsthalle. Schauspielhaus. Elbphilharmonie. Große Ziele, leere Kassen. In Hamburg steht die neue kulturpolitische Führung unter Senator Stuth vor schwierigen Aufgaben. Und der größte Teil der Kulturszene fragt sich, wie es weitergeht. Was wird geschehen: Folgt man weiterhin dem kulturökonomischen Ansatz der Creative City Richard Floridas? Wie löst man das Problem der Flächenkonkurrenz zwischen Immobilienentwicklern und Kreativen? Kann ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen punktuellen und medienwirksamen kulturpolitischen Interventionen hergestellt werden?

Die internationale Konferenz ‚Music City. Hamburg?! Musikalische Annäherungen an die kreative Stadt‘ versucht Antworten auf diese aktuellen Fragen im Hinblick auf die vielschichtigen Schnittpunkte von Musik und Stadt zu finden. Im Rahmen von Vorträgen und Diskussionen international renommierter Wissenschaftler auf den Gebieten der Musiksoziologie, Kulturgeografie und kultureller Stadtentwicklung gilt es, aktuelle Forschungsergebnisse und Entwicklungen kritisch unter die Lupe zu nehmen und anhand des Beispiels Hamburg zu diskutieren.

Das dreitägige Programm umfasst neben der theoretischen Einführung die thematischen Schwerpunkte ‚Stadt, Musik & Creative Diversity‘, ‚Performing & Marketing‘, ‚Politics & Policies‘ und die Vorstellung empirischer, auf die Stadt Hamburg bezogene, Forschungsergebnisse. Vortragstitel wie ‚Bauen für Musik. Die Elbphilharmonie aus kulturgeschichtlicher Sicht‘, ‚Wie klingt die Stadt wenn sie vermarktet wird? Zum Zusammenhang von urbanen Musikpraktiken, Ortmythen und Werbung’ oder ‚Musik als Standortfaktor: Die ökonomische Sichtweise‘ zeigen die breite thematische Anlage.

Als Referenten treten u.a. auf: Adam Krims (University of Nottingham), Bastian Lange (Humboldt Universität Berlin), Martin Cloonan (University of Glasgow), Malte Friedrich (ISoMe Berlin), Andreas Gebesmair (Institut Mediacult Wien) und Alexander Grimm (Goethe-Universität Frankfurt/Main).

Als Ergänzung zu den eher wissenschaftlich orientierten Vorträgen diskutieren kontrovers besetzte Roundtables mit Akteuren des Hamburger Kulturlebens die Themen ‚Kulturelle Vielfalt in Hamburg‘, ‚Vermarktung der Musikstadt Hamburg‘ und ‚Förderung und politische Strategien‘ am Beispiel der Hansestadt. Hierbei sind u.a. vertreten: Egbert Rühl (Kreativgesellschaft), Alexander Steinhilber (BKSM), Christoph Twickel (Journalist und Autor), Andrea Rothaug (RockCity e.V.), Kurt Reinken (STEG), Kai-Michael Hartig (Körber-Stiftung), Katja Scheer (Netzwerk Musik von den Elbinseln), Fahrid Müller (GAL) und Andy Grote (SPD).

Die Ergebnisse der Konferenz sollen 2011 in Buchform erscheinen.
Programm und Informationen zur Teilnahme findet Ihr im angehängten Programm.

Robin Kuchar, M.A.
Institut für Kulturtheorie, Kulturforschung und Künste
Scharnhorststraße 1, Raum C1.113
21335 Lüneburg
Fon. 04131-677 1306
Mail. robin.kuchar(at)leuphana.de

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Wir haben schon verstanden:

Wir, die Musik-, DJ-, Kunst-, Theater- und Film-Leute, die kleine-geile-Läden – Betreiber und ein-anderes-Lebensgefühl-Bringer, sollen der Kontrapunkt sein zur „Stadt der Tiefgaragen“ (Süddeutsche Zeitung). Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist. Wir sind willkommen. Irgendwie. Einerseits. Andererseits hat die totale Inwertsetzung des städtischen Raumes zur Folge, dass wir – die wir doch Lockvögel sein sollen – in Scharen abwandern, weil es hier immer weniger bezahlbaren und bespielbaren Platz gibt. Mittlerweile, liebe Standortpolitiker habt ihr bemerkt, dass das zum Problem für euer Vorhaben wird. Doch eure Lösungsvorschläge bewegen sich tragischer Weise kein Jota außerhalb der Logik der unternehmerischen Stadt. Eine frische Senatsdrucksache etwa kündigt an „die Zukunftspotenziale der Kreativwirtschaft durch Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu erschließen“. Eine „Kreativagentur“ =
https://medienwatch.wordpress.com/not-in-our-name-marke-hamburg/

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CD 1

Theodor W. Adorno: Kultur und Verwaltung

Theodor Ludwig Adorno, eigentlich Theodor Wiesengrund, später Theodor W. Adorno, * Frankfurt am Main 11. September 1903, † Visp (Kanton Wallis) 6. August 1969; war Philosoph und Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist. Er gilt neben Max Horkheimer als Hauptvertreter der Kritischen Theorie der Gesellschaft („Frankfurter Schule“).

Sendung: 26.07.1959, SWF Aufnahmeort: Baden-Baden, Kunsthalle
Aufnahmeleitung: Biallowancz; Kranz

Inhalt: Wer Kultur sagt, sagt auch Verwaltung. Kultur ist gemäß deutscher Begrifflichkeit der Verwaltung erst einmal entgegengesetzt. Sie soll das Höhere und Reine sein, das, was nicht angetastet und zurechtgestutzt wird. Die Kultur ist damit der nackten Notdurft des Überlebens enthoben. Was jedoch unter die nützlichen Güter eingereiht wird, ging schon immer über die biologischen Notwendigkeiten des Überlebens hinaus. Die Reproduktion der Arbeitskraft ist keine statische Naturkategorie, sondern folgt dem jeweils historisch erreichten Standard. Umgekehrt ist das Nützliche nichts Unmittelbares, da nicht aus Gründen der Nützlichkeit, sondern um des Profits Willen produziert wird. Kultur soll daher als bewusst unnütz von den Planungsmethoden der materiellen Produktion unterschieden sein, damit auf der anderen Seite das angeblich Nützliche an Profil gewinnt. Kultur erhält Kultur und Verwaltung allen Institutionen gegenüber ein kritisches Moment: Indem überhaupt etwas gedeiht, was nicht zu verwerten ist, zeigt Kultur die Fragwürdigkeit der herrschenden Praxis auf. Durch ihr Unpraktischsein hat die Kunst einen polemischen Zug und wird erst wenn der Kulturbegriff seine mögliche Beziehung zur Praxis einbüßt, ein Moment des Betriebs. Das Polemische und Unnütze wird dann zum Nichtigen oder zum schlechten Nützlichen, nämlich zu den Produkten der Kulturindustrie. Man lässt Kultur in einer Art Zigeunerwagen herumfahren, doch dieser Zigeunerwagen bewegt sich in einer monströsen Halle. Es gibt keine Schlupfwinkel mehr. Keine Armut in Würde, nicht einmal mehr die Möglichkeit des Überwinterns für den, der aus der Verwaltung herausfällt. Spontaneität schwindet, weil die Planung des Ganzen der einzelnen Regung vorgeordnet ist. Kritik wird ausgehöhlt, weil der kritische Geist den reibungslosen kulturellen Ablauf stört. Stattdessen reift parallel zur östlichen Spruchbanddenkerei eine westliche UNESCO-Philosophie heran. Willfährige Intellektuelle, die lebensbejahend den kritischen Geist verdächtigen, finden sich genug. Der für die Verwaltungswelt typische Jargon ist nicht die Verwaltungssprache alten Stils, in der noch eine relative Trennung zwischen Verwaltung und Kultur vorlag. Die Verwaltung plustert sich mit Sprachbestandteilen aller gesellschaftlichen Bereiche auf, als wäre jeder Beamte sein eigener Radiosprecher. Nimmt man den Begriff Kultur als die Entbarbarisierung der Menschen, der sie dem Zustand bloßer Natur enthebt, so ist Kultur misslungen. Kultur ist längst in sich selber fragwürdig zum geronnenen Inhalt des Bildungsprivilegs geworden, der sich als verwalteter Anhang in den Produktionsprozess eingliedert.

(siehe auch: Theodor W. Adorno, Kultur und Verwaltung, in: Gesammelte Schriften Bd. 8, Soziologische Schriften I, Frankfurt am Main 1972, S. 122–146)
http://www.quartino.de/programm/produkt.asp?IDProduct=18

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Written by medienwatch & metainfo

Oktober 14, 2010 um 08:53

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