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Anmerkungen zur Ästhetik des Untergangs | Von Estera Milman

Von Estera Milman

in: NO!, Ausstellungskatalog, Berlin 1995

„Ein zweiter Nicht-Pop-Stil, der sich auf sozialen Protest spezialisiert, sollte auch erwähnt werden, wenn auch nur, um die Konfusion zu beseitigen, und ihn richtigerweise außerhalb der Pop-art anzusiedeln. … diese Assemblage- oder Untergangskünstler sind die politischen Satiriker, die die Pop-Künstler nicht sind. Sie sind all das, was Pop nicht ist, und sie bezeichneten sich im Februar 1964 öffentlich als ‚Anti-Pop‘. Sie sind gequält, böse und leidenschaftlich, wo Pop kühl, gelöst und zuversichtlich ist. Sie lassen nichts aus bei ihren Ansammlungen aus Abfall, Farbe, Collage und Objekten, während die Pop-Künstler nahezu alles weglassen bei ihrer direkten Präsentation, und sie sind grundsätzlich pessimistisch, wohingegen Pop optimistisch ist. … Aggressiv romantisch kommen sie als Gruppe dem Neo-Dada so nahe, wie es heute überhaupt möglich ist.“ Lucy R. Lippard

In seiner Einführung zur NO!show von 1963 liefert Seymour Krim, Herausgeber von „The Beats“ (eine Anthologie von Prosa und Lyrik der Beat-Generation) und befreundeter Ikonoklast, eine bewusst aggressive Insider-Definition der kulturellen Produktion des Kollektivs. „Sie benutzen alle verfügbaren ästhetischen Mittel (Collage mit Mischtechnik, Überdruck, den Boris Lurie die „Gleichzeitigkeit des Angriffs“ nennt), die das Auge torpedieren und Deine geistigen Klischees vergewaltigen. Sie sind eine Bande von Vergewaltigern im Sinne von ungeduldig, verschwenderisch, mit offener Hose und bereit zur Aktion -geile Pop-Künstler auf der Suche nach Kopulation, im Gegensatz zu den Coolen (Nach Edward T. Kelly meint Krim hier die Abstrakten Expressionisten. Siehe auch Anm. 3, Anm. der Redaktion), die gedankenlos vor dem Spiegel kritzeln.“[2] 1964 wurde ein entschärfter (und etwas missverstandener) Auszug von Krims Einführung von Edward T. Kelly in seinem Art Journal-Artikel „Neo-Dada: A Critique of Pop Art“ zitiert. In diesem Aufsatz versuchte der Autor, diverse Tendenzen des Neo-Dada erneut einzuführen und sie mit der von ihm wahrgenommenen kulturkritischen Absicht zu verknüpfen, um damit die gerade gezogene Grenze zwischen den erst kürzlich kanonisierten und den schon bald an Bedeutung verlierenden Strömungen zu überschreiten. Seine Definition des Neo-Dada schloss die spezielle Untergruppe, die mit dem neu definierten Terminus „Pop-art“ assoziiert wurde, ausdrücklich mit ein.[3] Obgleich Kelly soweit geht, sich kurz (und offensichtlich zurückhaltend) über die „Vermutung“ zu äußern, die Pop-art-Bewegung selbst sei inspiriert worden durch den Versuch, NO!art einer Öffentlichkeit schmackhaft zu machen, die bereit war, in satirische Spiele zu investieren,[4] könnte dagegen überzeugenderweise der Einwand gemacht werden, dass es nicht in erster Linie Kellys Absicht war, das politisch engagierte Kollektiv zu unterstützen. Wie an seiner wiederholten Kritik an den Positionen nachzuweisen ist, die auf einem Symposium des Museum of Modern Art im Dezember 1962 (bei dem sich übrigens der Begriff Popart durchsetzte)[5] vorgetragen wurden, war Kelly sich sehr darüber im klaren, dass er an einer breiten kulturellen Debatte teilhatte, und seine Gegner die führenden Verfechter und Bewahrer hierarchischer Werte sowie einer normativen idealistischen Ästhetik waren.
Das Ausmaß, in dem sich die Institution Kunst anfänglich von der Kritik der Neo-Dadaisten an den hierarchischen Strukturen und formalistischen Anmaßungen bedroht fühlte, wird bei der sorgfältigen Lektüre der Transkripte des Pop-art-Symposiums im Museum of Modern Art sowie der zahlreichen Artikel über die neue Kunst in den zeitgenössischen Kunstjournalen deutlich. 1963 zum Beispiel wurde die Januar-Ausgabe des Art International beherrscht von einer Reihe von Artikeln, die „The New Realists, Neo-Dada, Le Nouveau Realisme, Pop Art, The New Vulgarians, Common Object Painting, and Know-nothing genre“ behandeln.
Barbara Rose eröffnet „Dada Then and Now“, den zentralen Aufsatz in dieser Ausgabe, mit der Beobachtung, dass niemand wirklich glauben könne, dass der europäische Dada des 1. Weltkrieges ein immer noch existenter und vitaler Kunststil sei. Der Begriff sei reaktiviert worden, um das Schaffen so grundverschiedener zeitgenössischer Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Jim Dine, Claes Oldenburg, Allan Kaprow, Tom Wesselmann, Robert Whitman, Robert Indiana, James Rosen-quist, Roy Lichtenstein, Andy Warhol und Wayne Thiebaud zu beschreiben.[6] Rose fährt fort: „Anti-Kunst, Anti-Krieg, Anti-Militarismus, Dada, die Kunst der politisch und sozial Engagierten hat augenscheinlich nur wenig mit der kühlen, distanzierten Kunst gemeinsam, die sie hervorgebracht haben soll.“[7] Indem sie Neo-Dada beharrlich mit formalistischen, kunsteigenen Termini beschreibt, versucht die Autorin, das – ihrer Meinung nach – allgemeine Missverständnis zu korrigieren, daß Neo-Dada eine Kunst des sozialen Protestes und Anti-Kunst sei.[8] Indem sie in dem Artikel wiederholt Bezug nimmt auf „eine kühle und distanzierte Kunst“, übernimmt sie die vom Kunstestablishment gewählte Definition der nordamerikanischen Pop-art.
Mit der Weigerung, die Neo-Dada zugeschriebenen Termini Anti-Kunst, Anti-Krieg, Anti-Materialismus (in anderen Worten, jene Charakteristika, die für Kunst des sozialen und/oder politischen Protestes vorausgesetzt wurden) zu benutzen, unterstützte die Autorin den Anfang für die historische Bedeutungslosigkeit der als „New Humanism“ (Neuer Humanismus) bekannten Strömung, für die wiederum NO!art ein radikales Beispiel war. […]

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NO!art | TEXTARCHIV

http://www.no-art.info

Written by medienwatch & metainfo

Dezember 6, 2008 at 18:06