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Archive for November 2012

Llaura I. Sünner »Imitationswerkstatt« in der Trittauer Wassermühle

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Gunnar F. Gerlach

Das Eigentliche ist das Verborgene – oder: Die Fügung von Ding und Welt aus dem Un-Fug

„Es hat eine Zeit gegeben, in der ich durch mich selbst von meinem Leben überzeugt war. Ich erfasse nämlich die Dinge um mich nur in so hinfälligen Vorstellungen, dass ich immer Glaube, die Dinge hätten einmal gelebt, jetzt aber seien sie versinkend. Immer, lieber Herr, habe ich eine Lust, die Dinge so zu sehen, wie sie sich geben mögen, ehe sie sich mir zeigen. Sie sind da wohl schön und ruhig….“ Franz Kafka, Gespräch mit dem Beter
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„Die Zweideutigkeit aber ist kein Zufall. Deutlichkeit bezeichnet den Indifferenzpunkt von objektiver Vernunft und Kommunikation.“ Theodor W. Adorno, Intention und Abbild
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„Höre auf den Klang der einen Hand…“ Zen-Buddhistisches Kōan

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Nähert sich der Betrachter den in weichem und grauen Filz gearbeiteten Objekten und Werken der Künstlerin Llaura I. Sünner, so müßte er in mehrfacher Weise irritiert sein, denn alle in die raumbezogenen Installationen eingearbeiteten Dinge, Geräte, Apparate und Instrumente erscheinen merkwürdig bekannt und unbekannt zugleich: die eigene Wahrnehmung und Erinnerung läßt zunächst die Ge-Bilde in einem funktionalisierten Anwendungs-Kontext als Geräte und Instrumente zur Bearbeitung  von sichtbarer Materie erscheinen. Im nächsten Schritt der Wahrnehmung, bei der genaueren Begutachtung, gerät die Wahrnehmung einer physischen und physikalischen Realität ins Schwanken und Wanken, denn die Dinge selbst scheinen nicht mehr zu sein, was sie vorgegeben haben und erscheinen transformiert in eine psychische und unsichtbare Realität, die parallel zur physikalischen erscheint. Damit öffnet sich eine erweiterte Erkenntnis über die Tatsachenesoterik der scheinbar objektiv gegebenen Realität. Nicht nur, das Zeichen, Bezeichnetes und Bezeichnendes (wie in den Zeichentheorien seit Saussure bekannt) auseinanderfallen, sondern auch die Dinge selbst verweisen auf eine subjektive Sinnlichkeit und Geschichtlichkeit.

Es war der sowjet-russische Dichter und Denker Sergej Tretjakov, der in seinen der Arbeit der Schriftsteller und Künstler gewidmeten Essays in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts eine doppeldeutige Les-Art zuwies: „Die Biografie des Dings hat ein ganz außerordentliches Aufnahmevermögen für die Einbeziehung des menschlichen Materials.“  Damit war nicht nur die subjektive, physische und psychische Aneignung von Material zur Weiter-be- und verarbeitung angesprochen, sondern auch eine Pforte zur Wahrnehmung (Aldous Huxley) subjektiver Sinnlichkeit und Geschichtlichkeit sogar innerhalb einer materialistischen Geschichtsschreibung geöffnet: Das Beharren auf dem Unsichtbaren und Unmöglichen wurde ein Kriterium gelungener sozialer Kommunikation zwischen Kunstwerk-Künstler und Betrachter und die scheinbar nur objektiven Kriterien von Wahrnehmung und Beurteilung wurden in Frage gestellt. Wider das reduzierende und reduzierte Konzept von Aufklärung konnte künstlerische Reflektion auch das sein, was einem Tatsachensinn zwischen Realismus und Idealismus sich bewußt entzieht.

Die Erweiterung des Wahrnehmungs- und Kunstbegriffes erforderte den ‚Kalten Blick‘  (Marcus Steinweg über Heiner Müller, Politik des Subjekts, 2009) zur Wahrnehmung einer anderen Realität aus der Sicht der Verschwisterung von Kunst und Philosophie: „In der Kunst, wie in der Philosophie geht es darum, sich dem Irrealitätsstatus der Realität zu öffnen und zu wissen, dass diese Öffnung eine Bejahung einschließt, die der Bewertung vorausgeht und letztlich entweicht.
Kunst und Philosophie sind Affirmationen, die alles – die Schönheit wie die Grausamkeit und Indifferenz des Lebens, der Welt aufnehmen müssen. Nie geht es darum, für oder gegen etwas zu sein. Nie primär. Kunst und Philosophie verbindet die Weigerung, ihren Realitätskontakt durch Wertungen zu neutralisieren. Es ist klar, dass diese Weigerung einen gewissen Mut verlangt.“

Es ist dieser bewußt gewählte Katastrophismus als künstlerische Strategie, der sich einem Blindflug in Zwischen-räumen und -reichen einer Dynamik überläßt, die ins Abenteuerliche und Unbekannte führen kann. Die Fügung von Ding und Welt aus dem Unfug – dem Un-gefügten als einem Weg ins innerliche und real-phantastische zugleich, wird aus diesem Bewußtsein heraus zur künstlerischen Methode und Strategie der sich – für diese Ausstellung in der Trittauer Mühle als Arbeits- und Ausstellungsort – selbst als „BETRIEBSSCHWESTER“ in Betrieb und Getriebe der Produktionsmittel bezeichnenden Künstlerin. Im Dazwischen-Sein (lat.: inter esse) der scheinbar objektiven Geräte, Apparate und Instrumente schaut sich Llaura I. Sünner parallel in sich selbst um, und erfüllt damit eine Forderung der deutschen Romantiker seit Caspar David Friedrich und Phillip Otto Runge: „…Die Kunst ist ja nur ein Instrument: wie kann denn ein Instrument der Zweck sein?“, formulierte Runge 1803.

Es sind die Töne und Zwischentöne in den Rissen, Lücken und (Soll-)Bruchstellen, in der nur vermeintlich objektiv bestimmbaren Wirklichkeit in den Grenzen einer alles funktionalisierenden, einseitig technoid-ökonomisch gefaßten Wirklichkeit, die im Werkgeräusch von Schraube, Mutter und Instrument den Ton in der „Imitations-Werk-Stadt“ erzeugen:
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„Sinneswahrnehmung findet allein statt…//…Das Hören im Dunkeln, ohne Ablenkung// …Akkustik ohne Geräusch// Materielos// Das innere Auge sieht Musik. Ich mache optische Musik// Optisch dargestellter Ton in weichem Material//…weiiit zu hören (Wahl)…Variation der Töne = Musik“, schreibt die „Betriebsschwester“ als filzig-weiche ‚Mutter‘ im Getriebe: es ist also die Kunst der Un-Fuge, bei der die Musik zwischen den Räumen und Tönen entsteht „im kleinen Mahlwerk“ auf einer „Insel der wohlklingenden, doppeldeutigen Inhalte“.
Zwischen Romantik, Sur-Realismus und ‚pataphysischer Wissenschaft imaginärer Lösungen‘, sind dann mit Theodor W. Adorno ‚wahr nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen‘: das Eigentliche bleibt verborgen, unsichtbar, auch als ein Denken gegen sich selbst, dass einzig Anspruch hat, das nur scheinbar Gefügte im Ungefügten erst sich offenbaren zu lassen.

[Zitiert aus dem Katalog: „Imitationswerkstatt“, Trittau, 2012]

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Kunstwissenschaftlicher Diskurs: Gunnar F. Gerlach, Begrüßung: Bürgermeister Walter Nussel, Trittau (Film-Fragment aus technischen Gründen: jst/gfok)

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Fotos + Film: Jörg Stange, GfoK

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Filz ist nicht gleich Filz

http://www.lokale-wochenzeitungen.de/uploads/ausgaben/tm/2012_43/tm_12.pdf

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Written by medienwatch & metainfo

November 1, 2012 at 00:53

Veröffentlicht in Allgemein