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STAMP – Straße frei zum Stampfen, Sprühen, Tanzen

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Goethe lässt Wagner im Faust sagen: „Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren / Ist ehrenvoll und ist Gewinn / Doch würd’ ich nicht allein mich her verlieren / Weil ich ein Feind von allem Rohen bin / Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben Ist mir ein gar verhasster Klang / Sie toben wie vom bösen Geist getrieben / Und nennen’s Freude, nennen’s Gesang.“
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Moritz von Kernten

STAMP

Kunst ins Leben, Leben gleich Kunst und Kunst gleich Leben – und am besten beides auf die Straße, in den öffentlichen Raum transferieren: das sind heutzutage schon klassisch zu nennende Forderungen der künstlerischen Avantgarden seit dem 19. Jahrhundert, die damit Schwellenängste in Bezug auf die Künste abbauen wollten zugunsten einer eingreifenden (operativen) Kunstpraxis die auf Partizipation des Publikums setzte.Vom 2. bis 4. September soll nun die Große Bergstraße gerockt, gesprüht und getanzt werden. Mit „The Street Arts Melting Pot“ – kurz: ‚STAMP‘ – zeigen sich 60 Straßenkünstler und Gruppen mit rund 2.000 Teilnehmern zwischen Haus-Drei und Großer Bergstraße, zwischen „IKEA“-Baustelle am Goetheplatz und Max-Brauer-Allee.

Die auf „Hutgeld“ spielenden und performenden Künstler aus den Bereichen HipHop-Dance, Graffiti, Street Art, Artistik und Akrobatik treffen auf Paraden und Kostümkunst, Clowns und Comedy. Im letzten Jahr hatte das auch folkloristische Multi-Kulti-Spektakel bereit 200.000 Besucher und bietet auch diesjährig Gelegenheit zur öffentlichen Fortbildung in Workshops und Gesprächsforen im Festival Centre. Der in zwei großen Paraden (Nightparade am Samstag und STAMP-Parade am Sonntag) kulminierende karnevalesque, multikulturelle und auch sozial-politische Anspruch ist allerdings gefährlich, aktuell und notwendig zugleich, denn die zu fröhliche Zurschaustellung der StreetArts darf die Brutalitäten posmodern-liberaler Bürger- und Menschen-Enteignung der Städte nicht nur mit lauter Buntheit überdecken.

Gerade in jüngster Zeit hat der Prozeß über den in Hamburg agierenden, auch monomanischen Sprayer und Künstler „OZ“ nahezu skandalös deutlich gemacht, wie weit die Rechtssprechung mit ihren aus den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stammenden Paragraphen und Rechtsgrundlagen hinter den mittlerweile global anerkannten, neuen Formen der künstlerischen Kommunikatiuonm und Zeichengebung der letzten 30 Jahre hinterherhängen! Gefängnisstrafen für künstlerisch-kommunikativ die grauen Stahl- und Glaswüsten belebende Zeichensetzungen wird härter geahndet, als die sozialstrukturellen und architektonischen Untaten und Verbrechen im Rahmen neo-liberaler und globaler Enteignungen und Gentrifizierungen. Daher sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, mit welchem legitimen Anspruch sich die aus ghettoisierten Situationen entwickelten Formen und Inhalte der Straßenkünste entwickelt haben.

Die Kunstgattungen der StreetArts waren und sind eine logische Konsequenz aus den Erfahrungen von Fluxus, Kapitalistischem Realismus und politischer POP-Art im Kontext eines Wunsches nach Demokratisierung der Kunst und des Kunstbegriffes über die Kommunikation mit visueller Kontaktaufnahme mit den Individuen der jeweiligen Umgebung und Bevölkerung. Die Künstler „…kreieren ein dynamisches Medium und holen die Kunst aus dem beschränkten Kreis von Galerien und Museen heraus…Da gibt es keine Zweideutigkeit: handelt es sich doch um eine Umweltpolitik – bei der die Stadt gewinnt und die Kunst ebenso. Denn weder explodiert die Stadt durch den Einbruch einer frei sich gebärdenden Kunst in der Straße, noch explodiert die Kunst beim Kontakt mit der Stadt. Die ganze Stadt wird zur Kunstgalerie und die Kunst entdeckt in der Stadt ein neues Manövrierfeld.“ Diese klugen Überlegungen stammen von dem renommierten Professor für Soziologie, dem französischen Philosophen Jean Baudrilliard aus seinem mittlerweile legendären Aufsatz „Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen“ aus dem Jahr 1975 (dt.1978)!!

Von dem mit Joseph Beuys eng befreundeten Künstler Harald Nägeli, dem „Sprüher von Zürich“, bis hin zu mittlerweile musealisierten zu Hochpreisen gehandelten Künstlern von Basqiuat bis Banksy handelt es sich dabei nach wie vor um den legitimen Versuch, einen elitären Begriff von Kunst mit den Mittel individueller Zeichen-Setzung und Gebung subversiv-affirmativ und parallel neben die staatlichen und kommerziellen Zeichensysteme (auch gegen die mittlerweile nahezu ‚terroristisch‘- vereinnahmend agierende Werbung im öffentlichen Raum!) zu platzieren. Und dieser Versuch ist insofern immer wieder legitim, da in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft der Anspruch auf Ausdruck zu einem Anrecht des Menschen im Gemeinwesen gehört.

Und so erwarten die Besucher auch unerwartete, kreative Eingriffe in den öffentlichen Raum und die agierenden Künstler sind bei Ihrer Arbeit zu beobachten und anzusprechen. In den Räumen des Ausstellungsraumes „Kunst-Nah“ wird dann am 1. September um 19 Uhr eine Urban Art-Ausstellung des seit 1994 im public space arbeitenden, hamburger Künstelers „1010“ (sprich: tenten) zu sehen sein: bereits an seinem Künstlernamen ist abzulesen, daß er auf die Programmierungen und fatalen Automatismen der erschreckend digitaliserten Gegenwart der Nullen und Einsen reagiert und Fragen der gegenwärtigen kulturpolitischen Strategien thematisiert und ironisiert.

Es wär dem STAMP-Festival, seinen Organisatoren und künstlerischen Protagonisten zu wünschen, neben allen karnevalistischen Aktionen, den kunst- und kulturpolitischen Ernst der subversiven Affirmation ins Geschehen zu integrieren und sich an die Geschichte der selbstvertretenen Gattung StreetArt zu erinnern. Vielleicht steht dann auf dem IKEA-Bauzaun auch wieder eine Parole, die bereits 1981 auf einer Hauswand in Berlin zu lesen war: „Wer hier räumt hat ausgeträumt“. Die Sehnsucht nach der mit Kunst zu füllenden Straße hatte ja bereits der us-amerikanische Dichter Walt Whitman poetisch beschrieben: „O öffentliche Straße, ich habe keine Angst, dich zu verlassen, doch liebe ich dich, Du drückst mich besser aus, als ich mich ausdrücken könnte, Du sollst mehr für mich sein als mein Gedicht.“ Und das englische Wort ’stamp‘ steht ja nicht nur für (zer)stampfen, sondern auch im Sinne des frankierens für „frei machen“… tanzt und sprüht die Straße frei …

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Obiger Autoren-Text erschien in der September-Print-Ausgabe „Szene Hamburg“ 2011 – ohne das Goethe Zitat – dieses wurde von der Red. hier hinzugefügt.

Dank an Moritz von Kernten für die Rechte zur Veröffentlichung. In der Szene-Hamburg, ist der Text in Teilen leicht abgewandelt erschienen.

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STAMP

(Video + DIA Bildmaterial der vielseitigen Performances)

Mehr als 2.000 Künstler aus aller Welt bringen seit 2010 die Straßen von Altona-Altstadt von am ersten Septemberwochenende zum Brodeln. Über 200.000 Besucher kommen zu dem Straßenkunstspektakel zwischen Haus-Drei und Großer Bergstraße, zwischen „IKEA-Baustelle“ am Goetheplatz und Max-Brauer Allee.
http://www.stamp-festival.de/deutsch/home.html

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(Test-Seite im Aufbau)

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„Freie Tags“ im WC des berühmten Underground-Theater Foolsgarden

fotos: jörg stange, »tags im foolsgarden«

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„Lebenskringel und Tags“ in ihrer Summe geahndet wie Schwerverbrechen

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Narretei

Torheiten begangen, Torheiten gemacht,
Ich mache deren noch immer.
Ich hab sie gemacht bei Tag und bei Nacht,
Die nächtlichen waren weit schlimmer.

Ich hab sie gemacht zu Wasser und Land,
Im Freien wie im Zimmer.
Ich machte viele sogar mit Verstand,
Die waren noch viel dümmer.

(Heinrich Heine, Lamentationen)

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8 Jahre im Gefängnis wegen Graffiti und Graffitikürzel

https://medienwatch.wordpress.com/2011/07/29/8-jahre-im-gefangnis-wegen-graffiti-und-graffitikurzelnarretei/

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Graffiti Taxonomy presents isolated letters from various graffiti tags, reproduced in similar scales and at close proximity. The intent of these studies is to show the diversity of styles as expressed in a single character. In these photographs, the S‘ is reproduced from photographs of tags taken in the Lower East Side of Manhattan, while the ‚A‘ is reproduced from tags from Central Park North to 125th St. in Harlem.

This project is still in progress. I am currently seeking any leads for funding or from publications that would allow me to complete each letter of the alphabet from tags found throughout New York City.
http://evan-roth.com/graf_taxonomy/graf_tax_04.php
http://evan-roth.com/graf_taxonomy/graf_tax_11.php
http://evan-roth.com/graf_taxonomy/graf_tax_02.php

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<object style=“height: 390px; width: 640px“><param name=“movie“ value=“http://www.youtube.com/v/axq3ngoFK_s?version=3″><param name=“allowFullScreen“ value=“true“><param name=“allowScriptAccess“ value=“always“></object>

Graffiti im alten Rom = Monty Python »Das Leben des Brian« – Lateinunterricht

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Gängeviertel: Graffiti als Erstes waren die Zeichen da.
https://medienwatch.wordpress.com/2009/10/12/gangeviertel-schrittwechsel-macht-fortschritte/

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Written by medienwatch & metainfo

Oktober 2, 2011 um 19:56

Veröffentlicht in Allgemein

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