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Religionsunterricht in der Schule auch für den Islam oder das Problem der Säkularisation

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Religionsunterricht in der Schule auch für den Islam oder das Problem der Säkularisation

Von Norbert Cobabus

Schon seit längerem wird in Deutschland die Frage diskutiert, ob man neben dem evangelischen und katholischen Religionsunterricht auch anderen Glaubensgemeinschaften, vor allem den Muslimen, einen Religionsunterricht in der Schule erlauben soll. In Hessen hat dazu seit diesem Sommer die FDP – während die CDU darüber murrt – die Initiative ergriffen. An einem entsprechenden Vorbereitungstreffen im August 2009 nahmen aber nur ganz wenige „Verbände“ oder „Vertreter des Islam“ teil. Den Aleviten soll demnächst der Religionsunterricht an Schulen gestattet werden, allen anderen Gruppierungen nicht, weil sie (noch) nicht die „verfassungsrechtlichen Voraussetzungen“ dafür erfüllen würden. Worin die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen liegen, wird jeweils in Einzelfall geprüft. Sie sind sowohl organisatorischer wie inhaltlicher Art. Pate steht dabei neben dem Grundgesetz auch die Organisationsform, die offenbar mindestens den vereinsrechtlichen Bestimmungen in Deutschland entsprechen sollen, sich aber auch an den beiden hier vorherrschenden – evangelischen und katholischen – Kirchenorganisationen orientieren. Tatsache ist nun, dass – von der kleinen seit mehreren Jahrhunderten in der Türkei bestehenden und seitdem vielfach verfolgten und daher fest zusammen gefügten alevitischen Glaubensgemeinschaft einmal abgesehen – der Islam sich nicht nur inhaltlich sondern auch deutlich in seiner Struktur von den in Deutschland üblichen Vorstellungen unterscheidet. Eine kirchenähnliche Struktur gibt es dort letztlich ebenso wenig wie eine vereinsrechtliche in dem hier gewünschten Sinne, weil der Islam bis heute noch einige Elemente einer früheren Stammesgesellschaft und somit eines anders gearteten Gemeinschaftsdenkens als Grundlage hat. Insofern verwundert es nicht, dass allein schon deshalb sich zu entsprechenden Treffen kaum „Vertreter verschiedener islamischer Strömungen“ – wen sollen sie denn wie vertreten? – eingefunden haben. Dieses Problem ist aber nur ein vordergründiges mit dem Religionsunterricht an den Schulen verbundenen Problem. Dahinter steht tatsächlich ein viel fundamentaleres Problem, nämlich die Frage, nach dem Grad der Säkularisierung in Deutschland. In Deutschland wird nämlich das religiöse Geschehen noch immer primär aus der Sicht des evangelischen und besonders des katholischen Christentums beurteilt und vielfach auch bestimmt. Das schlägt sich zum einen in den beiden Unionsparteien (CDU und CSU) nieder, zum anderen in dem diesen beiden Kirchen innerhalb unserer Gesellschaft fast überall gewährten überdimensionalen Sonderrechten, in der damit verbundenen Gesetzgebung und selbst in dem Verhalten des Bundesverfassungsgerichts bei entsprechenden Entscheidungen. Tatsache ist, dass Deutschland in seinen vorherrschenden politisch gewünschten Wertvorstellungen immer noch in der Tradition des herkömmlichen christlichen Abendlandes steht und auf Grund der damit verbundenen strukturellen, organisatorischen und gesetzlichen Bestimmungen kein laizistischer Staat ist, sondern eindeutig als weltanschaulicher Tendenzstaat im vorgenannten Sinne bezeichnet werden muss. Die im Grundgesetz formulierte Religionsfreiheit ist tatsächlich nicht gegeben, sondern deutlich zugunsten der beiden vorgenannten christlichen Kirchen verschoben. Es beginnt dies mit der Kirchensteuer und setzt sich fort in den in vielen Kommunen lediglich existierenden konfessionellen Kindergärten, in der Vertretung dieser beiden Kirchen in den Gremien der öffentlich rechtlichen Medien, in den katholischen bzw. evangelischen Religionssendungen in den öffentlich rechtlichen Medien, in dem entsprechenden Religionsunterricht in den Schulen, in den in vielen Gemeinden üblichen katholischen oder evangelischen Gottesdiensten zu Beginn des Schuljahrs, und einiges mehr. Hinzu kommt ihr definitiver Einfluss (besonders über die Unionsparteien) auf die Gesetzgebung, auch wenn dieser in den letzten beiden Jahrzehnten auf Grund der allgemeinen Liberalisierung gegenüber den konservativen Wertvorstellungen der Kirchen (besonders der katholischen Kirche) inzwischen etwas zurückgedrängt worden ist. In gewisser Weise fungieren also die evangelische und besonders die katholische Kirche in Deutschland noch als „Staatskirchen“. Das „Kruzifix-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts mit seinem Kompromissvorschlag, mit Zustimmung der Eltern Kruzifixe in öffentlichen Klassenzimmern zuzulassen, ist ein Kniefall vor dieser Situation. Die verschiedenen „Kopftuchurteile“ stellen eine Ungleichbehandlung des Islam gegenüber dem Christentum und ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit im Grundgesetz dar. Denn während bei christlichen Lehrerinnen das offene Tragen eines Kreuzes, nicht selten als deutlich sichtbare Halskette, in den Schulen und in auch anderen staatlichen Einrichtungen erlaubt ist, haben viele Gerichte das Tragen eines Kopftuchs als Ausdruck der islamischen Religionszugehörigkeit in diesen Einrichtungen inzwischen verboten. Die Diskussion um die Zulassung des islamischen Religionsunterrichts an den Schulen erfolgt also aus einer deutlichen Schieflage heraus. Denn demgemäß abgeleitet aus der im Grundgesetz gewährten Religionsfreiheit müsste einer jeden Religionsgemeinschaft der Unterricht in der Schule gewährt werden. Das ist allerdings auf Grund ihrer Vielzahl kaum durchführbar. Eine Auswahl zu treffen, verstößt dann aber gegen das Grundgesetz. Richtiger wäre es jedoch, endlich dem Gedanken des Laizismus zu folgen und somit keinen Religionsunterricht mehr in den öffentlichen Schulen zuzulassen. Stattdessen wäre es vernünftig, wie dies in Berlin schon der Fall ist, einen Ethikunterricht einzuführen, der sich an der aufgeklärtesten Version der Menschenrechte orientiert. In diesem Rahmen kann dann aus dieser dabei vermittelten wertenden Sicht auch auf die wichtigsten verschiedenen Religionsformen hingewiesen werden. Denn es ist nicht die Aufgabe des Staates, bestimmte Religionsformen zu fördern. Vergessen werden sollte dabei auch nicht, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung außerdem keiner Kirche mehr angehört und auch die Anzahl der Agnostiker oder Areligiösen immer mehr zunimmt. Deshalb wird es höchste Zeit, dass Deutschland die Bevorzugung der evangelischen und katholischen Kirche aufgibt. Religionsformen haben lediglich einen privaten Charakter. Der Versuch, jetzt auch dem Islam, d.h. bestimmten ihrer Glaubensgruppen, den Religionsunterricht an Schulen zu ermöglichen, geht somit in eine falsche Richtung. (26.8.2009)

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Gebetsraum für Muslime im Gymnasium?

Deutschland hat seit der Verabschiedung des Grundgesetzes im Zusammenhang mit seiner Gründung im Jahr 1949 ein Problem, das in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher geworden ist: Deutschland ist ein christlich-weltanschaulicher Tendenzstaat. Die Religionsfreiheit steht zwar auf dem Papier des Grundgesetzes, widerspricht aber anderen Artikeln des Grundgesetzes wie der zu erhebenden Kirchensteuer für die beiden „staatstragenden“ christlichen Kirchen und der vielfach geübten Praxis. Dieser Widerspruch schlägt sich daher auch immer wieder in der Rechtsprechung bis hin zu Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts nieder. Die Säkularisierung ist nämlich in Deutschland seinerzeit nicht verankert worden und damit ist Deutschland kein laizistischer Staat, bei dem Staat und Religion klar voneinander zu trennen sind. Damit verstößt Deutschland diesbezüglich außerdem auch eindeutig gegen die Menschenrechte.

Besonders in der schon erwähnten Kirchensteuer und den sich daraus ergebenden besonderen weiteren staatlichen Unterstützungen für die katholische und evangelische Kirche, im christlichen Religionsunterricht in den staatlichen Schulen und in den christlichen Sendungen in den öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten drückt sich diese offizielle Bevorzugung einer bestimmten Religionsrichtung aus. Das zu den bayrischen staatlichen Schulen ergangene „Kruzifixurteil“ durch das Bundesverfassungsgericht und die zahlreichen „Kopftuchurteile“ zu den Muslima in staatlichen Schulen oder staatlichen Einrichtungen zeigen dies ebenfalls. Denn stets wurden auch dabei die offizielle katholische und evangelische Kirche bevorzugt: Kruzifixe dürfen weiterhin mit Mehrheitsvotum der Eltern in bayerischen Klassenzimmern hängen, und christliche Lehrerinnen und Staatsbedienstete dürfen weiter offen ein gut sichtbares christliches Kreuz z.B. als Halskette tragen.

Dieses Problem hat jetzt – neben dem Hin und Her um die Zulassung des Islam-Unterricht in den öffentlichen Schulen oder der Wiederzulassung des christlichen Religionsunterrichts an Berliner Schulen neben dem Ethikunterricht – erneut zu einem gerichtlichen Schlingerkurs geführt, nämlich bei der Frage, ob für einen Muslim in einer staatlichen Schule ein Gebetraum eingerichtet werden darf oder nicht. Wenn Deutschland wirklich ein laizistischer Staat wäre, dann muss sich ein Gymnasium wie im vorliegenden Fall der Einrichtung eines solchen Raumes verweigern. Die erste gerichtliche Instanz hatte aus dieser Sicht auch korrekt entschieden, dass sich der Staat und damit staatliche Einrichtungen in religiöser Sicht neutral zu verhalten hätte und ließ daher einen solchen Gebetsraum nicht zu. Nun ist Deutschland aber in religiöser Hinsicht nicht neutral und dadurch verstrickt es sich immer wieder in Widersprüche, die daher auch immer wieder von der jeweils unterlegenen Seite mit Recht kritisiert und angegriffen werden. Das ist das Problem.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass endlich auch die Säkularisierung und damit der Laizismus in Deutschland Einkehr halten muss und somit alle dem entgegen stehenden Artikel im Grundsetz und alle sonstigen Gesetze und Regelungen, die dem widersprechen, endlich abgeschafft gehören. Religion hat reine Privatsache zu sein. Demgemäß darf es keine Kirchensteuer und besondere Bevorzugungen dieser kirchlichen Institutionen geben, haben Kirchensendungen in öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten nichts zu suchen, muss der Religionsunterricht in öffentlichen Schulen durch einen in religiöser Hinsicht neutralen Ethikunterricht ersetzt werden, haben staatliche Schulen keine Gebetsräume oder auch Kapellen oder ähnliches für welche Religion auch immer einzurichten und sind das Tragen von Kopftücher, christlichen Kreuzen oder anderen religiösen Zeichen entweder als reine Privatsache anzusehen, die dann aber allen in gleicher Weise überall zu erlauben sind – was ich bevorzugen würde – oder generell für alle in staatlichen Einrichtungen zu verbieten. Norbert Cobabus (30.9.2009)

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Bertelsmannns Kooperation mit Evangelikalen in den USA zeitigt Wirkung
Die Deutschen: 70 Prozent religiös, 28 Prozent sogar “hochreligiös”
[Heise] Florian Rötzer 16.12.2007 Die Bertelsmann Stiftung hat für ihren “Religionsmonitor” die erste internationale Umfrage zur Religiosität vorgelegt und stellt “keine anhaltende Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten” fest

http://www.meta-info.de/?newsfull=1&lid=30945&rubrik=medienwatch

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Dradio-Kultur: Glaubensfragen: Wozu brauchen wir Religionen°? [MP3]

http://medienwatch.wordpress.com/2009/04/26/dradio-kultur-glaubensfragen-wozu-brauchen-wir-religionen/

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[Juedisches Museum (Daniel Libeskind), Berlin] Foto: Jörg Stange 09, Gunnar F. Gerlach GfoK [Aktive Archive]

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