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Archiv für die Kategorie ‘Literaturkritik: Neue Buchbesprechungen

Literaturkritik: Neue Buchbesprechungen

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Komplementäre Brüderlichkeit

Manfred Geiers Doppelporträt von Alexander und Wilhelm von Humboldt

Von Ludger Lütkehaus

Die Briten haben Charles Darwin, die Deutschen Alexander von Humboldt, wenn es darum geht, die Verbindung von Entdeckungs- und Reiselust mit wissenschaftlichem Forscherdrang zu feiern. 2009 ist zugleich mit dem Darwin-Jahr auch ein Alexander-von-Humboldt-Jahr, das 150. seines Todestages am 6. Mai 1859. Publizistisch kann seine Präsenz auf dem Buchmarkt zwar nicht der aktuellen Darwin-Schwemme das Wasser reichen. Aber es trifft sich gut, dass schon 2004 ein umfassendes Humboldt-Projekt der “Anderen Bibliothek” sein großartiges Spätwerk “Kosmos” neben seinen “Ansichten der Natur” und Teilen seines riesigen mittel- und südamerikanischen Reisewerks wieder herausgebracht hat. Der neben Johann Wolfgang Goethe und Albert Einstein im Ausland bekannteste Deutsche, nach dem mehr als 1000 Orte, Städte, Plätze, Straßen, Gebirge, Gletscher, Vulkane, Wüsten, Urwälder, Ströme, Seen, Meere – bis hin zum Mare Humboldt auf dem Mond – Pflanzen- und Tierarten, Schulen, Akademien, Stiftungen, Forschungsinstitute und Museen benannt sind, wurde so beizeiten in das Bewusstsein des lesenden Publikums zurückgeholt.

Anders steht es um den zwei Jahre älteren, 1767 geborenen, 1835 gestorbenen Bruder Wilhelm von Humboldt. Seine Präsenz beschränkt sich derzeit meistens auf die einer Zitat-Instanz, wenn ein liberales, auf Freiheit ausgelegtes Staatsverständnis versucht, “die Grenzen der Wirksamkeit des Staats” zu bestimmen, und die universitäre Einheit von Forschung und Lehre verteidigt werden muss. Daneben kennt man ihn noch historisch als Mitarbeiter der Stein-Hardenberg’schen preußischen Reformen und Gründer der Berliner Universität. Und die Sprachwissenschaftler, mehr noch die Sprachphilosophen haben seinen kühnen Ideen über den Zusammenhang von Sprechen und Denken ein ehrenvolles Andenken bewahrt. Doch wer es heute unternimmt, die Konturen und das Wechselverhältnis beider Brüder nicht nur im Rahmen der Einzelbiografien, sondern paritätisch darzustellen, muss Wilhelm von Humboldt erheblich aufwerten. Und selbst bei Alexander sieht er sich der Konkurrenz mit Daniel Kehlmanns famosem Bestseller “Die Vermessung der Welt” ausgesetzt, die auch noch den Vorzug des Fiktionalen hat.

Manfred Geier, zuletzt hervorgetreten als vorzüglicher Kant-Biograf und Autor einer “Philosophie des Humors”, hat sich davon nicht abschrecken lassen, den beiden Humboldts ein gleichgewichtiges Doppelporträt zu widmen. An den Scharnierstellen seiner Duografie ächzt es zwar manchmal etwas. In allem übrigen ist Geier ein schönes, substanzreiches, oft bewegendes Buch gelungen.

Es zeichnet die Geschichte der beiden Humboldts auf dem Hintergrund eines so lebendigen wie eindrücklichen Epochenporträts nach. Das Zeitalter der Aufklärung, der deutschen Klassik, Immanuel Kant, Goethe, Friedrich Schiller und vor allem der mit James Cook um die Welt gereiste, mit den Humboldts durch Europa reisende Georg Forster und mit ihm das Zeitalter der Revolution werden plastisch. Die deutsche Aufklärung zumal ist alles andere als jenes verzopfte Wesen, das immer noch durch manche Köpfe geistert. Am meisten ist es die natur- und wissenschaftsphilosophische Epochenkonstellation, die Geier interessiert. Der explosionsartigen Vermehrung des einzelwissenschaftlichen Wissens steht bei beiden Humboldts ein Wille zur Synthese, zur Einheit eines organisch, nicht mechanisch gefassten Ganzen gegenüber, der sie auch für gegenwärtige Debatten relevant macht. Beide Brüder werden für ihren Biografen zu einer lebendigen Anschauung, ja Inkarnation des Komplementaritätsprinzips.

Unterschiedliche Wege schließt das nicht aus. Alexander sucht auf einer sechsjährigen Reise nach Mittel- und Südamerika, die ihn weltberühmt macht, den Weg über die Wissenschaften der Natur, alle Wissenschaften – er ist wirklich überall kompetent, in der Geologie und Geografie, der Mineralogie und Anatomie, der Geschichte und Geografie der Pflanzen, der Tiere, des Menschen, der Klimatologie, der Ozeanografie, der Ökologie, kurz: der ganzen Wissenschaft von der Natur der Erde, die mit einem schönen alten Wort hier noch die “Geognosie” heißt. Die Forschungen Wilhelms hingegen favorisieren die Wissenschaften vom Menschen und seiner Bildung. Einig bleiben sich beide aber immer im Geist der Synthese als Weg und Ziel [...]

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12725

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Foto (oben): Erich Kloth, Gesellschaft für operative Kunst

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http://www.literaturkritik.de/public/welcome.php.

Vollständig dokumentiert ist nun auch die Mannheimer Tagung “Thomas Mann und die Ökonomie” im Rahmen einer Vorschau auf die Juni-Ausgabe mit dem Themenschwerpunkt “Literatur und Ökonomie” unter der Adresse: http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200906

Ebenfalls abgeschlossen ist der Rückblick auf 10 Jahre literaturkritik.de in der Februar-Ausgabe (http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200902).
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Stand: 23.03.2009

Buch 23.03.2009
Carlos Fuentes: Alle glücklichen Familien
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008
Rezension in literaturkritik.de von Bernd Blaschke
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12879

Buch 23.03.2009
Alexander McCall Smith: Schottische Katzen kennen den Weg
Ein neuer Miss-Isabel-Roman
Karl Blessing Verlag, München 2008
Rezension in literaturkritik.de von Barbara Tumfart
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12898

Buch 23.03.2009
Felicitas Hoppe: Sieben Schätze
Augsburger Vorlesungen
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009
Rezension in literaturkritik.de von Gunther Nickel
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12899

23.03.2009
Jochen Hörisch:
“Extremitätenkult” – die öffentliche und die unsichtbare Hand:
Ökonomische Motive bei Thomas Mann
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12896

Buch 19.03.2009
Friedrich Ani: Der verschwundene Gast
Krimi
Edition Nautilus, Hamburg 2007
Rezension in literaturkritik.de von Peter Delabar
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12643

Buch 19.03.2009
Roman Rausch: Meet the Monster
Krimi
Edition Nautilus, Hamburg 2007
Rezension in literaturkritik.de von Peter Delabar
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12644

Buch 19.03.2009
Bernhard Jaumann: Geiers Mahlzeit
Krimi
Edition Nautilus, Hamburg 2007
Rezension in literaturkritik.de von Peter Delabar
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12646

Buch 19.03.2009
Eileen Chang: Gefahr und Begierde
Erzählungen
Claassen Verlag, Berlin 2008
Rezension in literaturkritik.de von Ludger Lütkehaus
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12704

Buch 19.03.2009
Gandhara
Das buddhistische Erbe Pakistans. Legenden, Klöster und Paradiese
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2008
Rezension in literaturkritik.de von Ludger Lütkehaus
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12706

Buch 19.03.2009
Walter Benjamin: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik.
Band 3
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008
Rezension in literaturkritik.de von Ludger Lütkehaus
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12707

Buch 19.03.2009
Manfred Geier: Die Brüder Humboldt
Eine Biographie
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008
Rezension in literaturkritik.de von Ludger Lütkehaus
http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12725

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Manfred Geier:

im Blau-Zimmer für kunst und andere

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Wir kommen der Bitte auf Weiterempfehlung gern nach

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Foto: Erich Kloth, Gesellschaft für operative Kunst

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Written by medienwatch

März 23, 2009 at 22:38

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